"Zwei glorreiche Halunken"

22. Juni 2006, 17:00
2 Postings

Sergio Leones oft subjektiv abdriftende Kamera machen den Zuschauer zum beteiligten Verbrecher

Bedrohlich pfeift die kleine Flöte, pendelt im scharfen Signalintervall einer Quart auf Basis der unsicher schwebenden Dominante. An einen Kojotenschrei dachte Filmkomponist Ennio Morricone, als er die poppig-verspielten Grafiken des Vorspanns konterkarierte. Verzerrte Stimmen nehmen das Motiv auf – ein Hohngelächter, in das die ersten Schüsse krachen. Dazu das Trompetensignal – die Geschichte spielt während des amerikanischen Bürgerkriegs, Trommeln im Reiterrhythmus, E- Gitarre, darüber ein Streicherteppich –, wieder die einsame Flöte, der Schrei eines Geiers. Erst jetzt schiebt Sergio Leone ein Gesicht ins Bild, plötzlich und ganz nah, ein Close-up des sadistischen Bösewichts, der gleich wieder verschwindet. Wind, wirbelnder Staub, ein paar verlassene Hütten, zwei Männer zu Pferde, Schüsse. Die Schlussszene wird ähnlich karg sein, auf einem Friedhof, wo endlich jene 200.000 Dollar exhumiert werden sollen, für die es viele Tote gab.

"Zwei glorreiche Halunken" sind eigentlich drei, und nicht gerade glorreiche. "The Good, the Bad and the Ugly" heißen sie im Originaltitel, und jeder ist von jedem etwas. Auch der Zuschauer wird in alle drei Rollen gezwungen, von Anfang an. Die subjektive Kamera irrt zwischen den Häusern umher, lugt auf die Hauptstraße. Es muss noch jemand da sein, den wir nicht sehen, der umso gefährlicher ist. Der Böse tritt in ein fremdes Haus, setzt sich, starrt in die melancholischen Augen eines kreuzbraven Mannes, und erst jetzt fällt das erste Wort. Wenig später ein Schuss. Eine Frau stürzt herein, darf ihren Mann nicht einmal bejammern: Das besorgt der Soundtrack mit hysterisch flirrenden Geigen. Es bleibt der einzige Auftritt einer Frau. Außer der autoerotischen Präsenz des jungen Clint Eastwood gibt es keinen Sex in diesem Film. Dafür Gewalt hautnah.

Die dramatische Anlage der Szenen und die oft subjektiv abdriftende Kamera machen den Zuschauer zum beteiligten Verbrecher. Sosehr wir den Tod des unschuldigen Familienvaters bedauern, wir identifizieren uns mit dem überlebenden Schützen. Wenig später schießt Clint Eastwood den ruchlosen Serienverbrecher vom Galgen – die Kamera ist ganz nah bei Eastwood, und wir sind es auch. Obwohl der böse Lee Van Cleef und der hässliche Eli Wallach darstellerisch mehr leisten, obwohl der gute Eastwood auch nur an die Truhe mit den Dollars will. Was macht ihn besser? Eigentlich nichts, außer dass er Zigarillos raucht, während der Hässliche zetert. Er ist von nichts und niemandem abhängig, kein Trieb steuert ihn – die Weite der Landschaft entspricht seiner unendlichen Coolness. Er zieht schneller, sieht auch noch gut aus, und wenn die Kamera vor ihm niederkniet und schüchtern nach oben blickt, dann sieht man es ihm an: Er mag sich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.6.2006)

Von Helmut Mauró
  • Artikelbild
    foto: sz
Share if you care.