Spinelli: "Taubenjagd"

22. Juni 2006, 17:00
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Ein Adoleszenzroman ohne falschen Heroismus und Hier-geht's-lang-Pädagogik

Der erste Sonntag im August, blitzblauer Himmel. Gewehrschüsse donnern. Vögel stürzen aus der Luft. Gras verfärbt sich rot. Von Taubenblut. Und für die, die noch leben, marschiert die Nachhut auf: Jungs huschen über das Schlachtfeld, packen die Tiere mit geübtem Griff. Brechen ihnen das Genick. Knack. Halsumdreher werden sie genannt. Eine Ehre für jeden echten Kerl, der zehn Jahre alt ist. Der Horror für Palmer, fast zehn, seit er das erste Mal dabei war, bei diesem Gemetzel, das sich Volksfest nennt.

Aber was soll man schon tun, als Junge, in einem amerikanischen Provinznest, in dem die Kumpels dir zum Geburtstag angelutschte Zigarrenstumpen schenken, den Spitznamen – Rotzie! – verpassen und dir die Behandlung besorgen: zehn Faustschläge auf den Oberarm, einen für jedes Lebensjahr, und du noch nicht mal weinen darfst, obwohl dir der runtergewürgte Schmerz fast die Brust auseinanderfetzt? Palmer weiß es nicht. Und was soll Mann tun, wenn diese Kumpels dich gegen deine beste Sandkastenfreundin aufhetzen, bis du mitmachst, sie verspottest, sie quälst? Auch das weiß Palmer nicht. Und was soll einer tun, dessen eigener Vater den Meisterpokal im Taubenabknallen geholt hat? Palmer hat keine Ahnung.

Dann fliegt Palmer auch noch eine Taube zu, klopft mit dem Schnabel an seine Fensterscheibe: Picker. Die wird Palmer nicht mehr los. Er muss sich entscheiden. Denn um Entscheidungen geht es, um Richtig und Falsch – aber nicht als objektive Größe, sondern immer mit dem Zusatz: für den jeweils Einzelnen. Das ist, wie ein Leitmotiv, Thema des mehrfach ausgezeichneten amerikanischen Autors Jerry Spinelli. Seine Protagonisten sind Helden aus der letzten Reihe. Figuren voller Eigenleben und Eigensinn, die in einer Welt der engstirnigen Besserwisser, der festgefahrenen Engherzigen und Selbstverherrlicher allein dadurch zu Außenseitern werden, dass sie nach etwas suchen – oder an etwas festhalten: sie selbst zu sein.

Spinelli schreibt in seinen Büchern gegen bestehende Normen und Werte, die längst überholt sind. Gegen Ideale, die keine sind. Wenn es sein muss um den Preis des Alleinseins. Trotzdem. Bei ihm werden daraus keine Tragödien. Er erzählt von Bewährungsproben, Gewissenskonflikten, von Zumutungen, mit Betonung auf Mut. Nachdenklich, voller Einfühlungsvermögen und Verständnis für seine Figuren, bei aller ungeschminkten Dramatik und Emotion oft zum Weinen komisch.

Er schreibt Adoleszenzromane ohne falschen Heroismus und Hier-geht's-lang-Pädagogik. Weil eines sich immer lohnt: rauszufinden, wer man ist. Und was man will. Nein zu sagen – Um dadurch erst Ja sagen zu können – zu sich selbst nämlich. Dem eigenen Glück auf den Fersen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.6.2006)

Von Christine Knödler
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    foto: sz
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