Radikale Weinreform geplant

26. Juli 2006, 15:47
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Die EU-Kommission schlägt vor, fast 15 Prozent der Weinanbauflächen der EU stillzulegen - 2,4 Milliarden Euro Rodungsprämien werden bereitgestellt

Brüssel/Wien – Europas Weinwirtschaft steuere auf eine ernste Krise zu, falls nicht schnell grundlegende Marktreformen durchgesetzt würden, sagte EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel am Donnerstag in Brüssel. Der Weinabsatz in der Union gehe jährlich um 750.000 Hektoliter zurück, und auf den Wachstumsmärkten wie Großbritannien, Nordeuropa und dem Fernen Osten würden vor allem amerikanische und australische Weine punkten. Während Europa seine Exporte in den vergangenen zehn Jahren nur um 20 Prozent steigern konnte, verzeichneten die USA ein Wachstum um 400 Prozent und Australien um 1900 Prozent.

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Eines der teuersten Probleme dabei sei die Überproduktion: Diese werde ohne Korrekturen in den kommenden vier Jahren auf 15 Prozent einer Jahresproduktion steigen. Vom Wein-Gesamtbudget von 1,269 Millionen Euro werden 63 Prozent für Marktmaßnahmen aufgewandt, 506 Millionen Euro allein für die Destillation zu Industriealkohol. „Wir wollen unsere Mittel einfach intelligenter nutzen und nur noch Wein mit Marktchancen machen“, meinte Fischer Boel. Die EU-Kommission will nun in den kommenden fünf Jahren, wie bereits exklusiv berichtet, 2,4 Milliarden Euro zur Verfügung stellen, um 400.000 Hektar der 3,4 Millionen Hektar Weinanbaufläche stillzulegen. Weinbauern sollen mit Rodungsprämien auf ausschließlich freiwilliger Basis dazu veranlasst werden, sich aus der Produktion zurückzuziehen. In einem zweiten Schritt sind dann auch umfangreiche Marketing- und Marktmaßnahmen geplant, um den europäischen Wein wieder „wettbewerbsfähig zu machen“, sagte Fischer Boel.

Etikettierung

Dazu zählen unter anderem die Änderung der Etikettierungsvorschriften, um den Konsumenten klarere Informationen zu bieten. Demnach soll die Trennung nicht mehr nach einfachem Tafelwein und höherwertigem Qualitätswein erfolgen, sondern in Weine mit und ohne geografische Angabe getrennt werden. Auch sollen Tafelweine künftig Rebsorten und Jahrgangsbezeichnungen haben. Weiters soll in Zukunft nur _mithilfe von Mostkonzentrat anstatt mit Zucker aufgebessert werden dürfen, eine Praxis, die v. a. in den kühleren Weinbauländern üblich ist.

Diskussionsgrundlage

Das Reformpapier sei vor allem eine Diskussionsgrundlage, betont Wolfgang Burtscher, Direktor der Kontrollstelle für Agrarausgaben, im Rahmen eines Briefings in Wien, der auch glaubt, dass sich der österreichische Wein bisher gut positionieren konnte. Die Vorschläge sollen ab 2008 in die Praxis umgesetzt werden. Der Zeitrahmen für die Stabilisierungsmaßnahmen reiche bis 2013, so Burtscher.

Weinbaupräsident Josef Pleil bekundete seine „grundsätzliche Unterstützung“ für eine Reform, wandte sich aber gegen mehrere Punkte dieser Vorschläge: Ein Marktgleichgewicht könne seiner Meinung nach nicht durch „Wegräumen ganzer Landstriche“, sondern durch Neuerschließung neuer Märkte und Qualitätsverbesserung erreicht werden. „Alle Kraft soll sich auf den Markt und nicht auf die Zerstörung der Grundlagen richten.“ Bezüglich der Etikettierungsvorschriften meinte er, dass die Überseeländer die europäischen Qualitätsstrategien „unterlaufen“ hätten, was man hier nicht kopieren solle. Und das Verbot des Zuckerzusatzes würde vor allem den Erzeugerländer von Mostkonzentraten wie z. B. Italien nutzen. (Michael Moravec, Luzia Schrampf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.6.2006)

  • Während Europa seine Exporte in den vergangenen zehn Jahren nur um 20 Prozent steigern konnte, verzeichneten die USA ein Wachstum um 400 Prozent und Australien um 1900 Prozent.
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    Während Europa seine Exporte in den vergangenen zehn Jahren nur um 20 Prozent steigern konnte, verzeichneten die USA ein Wachstum um 400 Prozent und Australien um 1900 Prozent.

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