Ross Macdonalds "Der blaue Hammer"

22. Juni 2006, 17:00
posten

Im Land der geplatzten Träume, Unglück hinter gepflegten Gartenanlagen und kleinstädtischen Fassaden

Bilder können Unglück bringen, auch solche von schönen jungen Frauen. Besonders dann, wenn sie nur Männer gemalt haben können, die eigentlich seit zwanzig Jahren verschwunden sind. Als der Privatdetektiv Lew Archer in das kleine Santa Teresa gerufen wird, kommt er, um den Diebstahl eines Gemäldes aufzuklären. Doch schnell führt der Fall in die Problemzonen einer reichen amerikanischen Familie und von dort in ein Geflecht aus Betrug, Ehebruch und Mord. Archer ist in "Der blaue Hammer" ein Zeuge des Unglücks, das dort wächst, wo es am hartnäckigsten versteckt gehalten wird: hinter gepflegten Gartenanlagen und kleinstädtischen Fassaden.

Lew Archer ist ein Mann mittleren Alters – ein Nachfahre berühmter Detektive wie Philip Marlowe und Sam Spade. Diese Private Eyes der ersten Stunde hatten es mit Gangstern und Großkriminellen zu tun, mit schweren Jungs und leichten Mädchen. Sie waren glamouröse Zyniker, die das Herz am rechten Fleck hatten und den Revolver griffbereit in der Tasche. Der Detektiv, den Ross Macdonald ihnen Jahrzehnte später folgen lässt, taucht nicht mehr in nächtliche Schattenwelten ab. Er ist ein Kind der Cinemascope-Farben der 60er-Jahre. In Santa Teresa scheint die Sonne, der Himmel ist so blau wie der Pazifik, die Palmen wiegen sich im Wind. Amerika ist das Land großer Villen und schneller Autos – und der geplatzten Träume, der verschwundenen Illusionen, der geraubten Pläne.

Archer taucht überall dort auf, wo der amerikanische Traum Risse bekommt. Er ist ein Sozialarbeiter mit der Lizenz, unbequeme Fragen zu stellen. Seine Mission: den Schicksalen nachzugehen, die im Siegesgetöse eines triumphierenden Landes untergehen. Es ist das geschundene Amerika, das er durchkämmt, und es sind die Porträts der Menschen, die Macdonalds Romane über das Niveau jener Krimis herausheben, die um die bloße Auflösung des Falls bemüht sind. Archers Ermittlungen werden zu Studien über die Nöte von Kindern aus zerrütteten Ehen, von Frauen, die mit Alkoholikern zusammenleben, von besessenen Männern, die ihr Glück in dem Irrtum mangelnden Talents verspielen. "Das Studium anderer Menschen war meine Wahl, gehetzter Menschen in gemieteten Zimmern, alternder Jünglinge, die sich an der Männlichkeit festklammern wollten, ehe die Nacht hereinbrach", sagt Archer einmal während seiner rastlosen Suche in der Vergangenheit.

Und bei der manchmal journalistisch anmutenden Recherche in der Realität Amerikas vereint Macdonald zwei Eigenschaften seiner Vorgänger: Er beherrscht Hammetts Dialogkunst ebenso wie die Fabulierlust Chandlers, die er nicht kopiert, sondern weniger selbstverliebt weiterentwickelt.

Es führt zu den Menschen im Fokus ihrer Widersprüche und der Taktiken, ihre Schwächen verborgen zu halten. Es führt mit meisterhaften Beschreibungen in das Herz Amerikas, das dort schlägt, wo sich hinter dem "schäbigen Bühnenbild (...) der wirkliche Dschungel des täglichen Lebens dieser Welt verbarg". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.6.2006)

Von Harald Hordych
  • Artikelbild
    foto: sz
Share if you care.