Kreuz, Halbmond und Kristall

25. Juni 2006, 09:16
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Israel und Palästinenser treten nach jahrzehntelangem Tauziehen der Rotkreuz-Bewegung bei

Wien/Genf - Fast 60 Jahre hat es gedauert. Jetzt hat die israelische Hilfsorganisation Magen David Adom (MDA, Roter Davidstern) ihr Ziel erreicht: In der Nacht zum Donnerstag ist sie nach zähen Verhandlungen in die internationale Rotkreuz-Bewegung aufgenommen worden. Gleichzeitig stimmten die 1200 Delegierten der internationalen Rotkreuz-Konferenz in Genf der Aufnahme des palästinensischen Roten Halbmonds zu. Möglich gemacht hat diesen Schritt ein neues Emblem, das nun neben dem roten Kreuz und dem roten Halbmond das dritte internationale Schutzzeichen für humanitäre Helfer in Krisenregionen ist: der Rote Kristall.

Grund für den jahrzehntelangen Streit um die Aufnahme des MDA war der Umstand, dass eine Hilfsorganisation, die der Rotkreuz-Bewegung beitreten will, das Kreuz oder den Halbmond als Zeichen annehmen muss. Israel, wo Krankenwagen und medizinisches Personal mit einem roten Davidstern gekennzeichnet sind, hatte beide Embleme mit Verweis auf die religiösen Bedeutungen abgelehnt (wobei sich das Rote Kreuz auf die Schweizer Flagge - weißes Kreuz auf rotem Grund - bezieht, da der Gründer, Henri Dunant, Schweizer war). Gegen den Davidstern hatten sich die arabischen Mitglieder gewehrt.

Der Rote Kristall soll nun ein neutrales Zeichen sein, frei von religiöser, kultureller oder politischer Symbolik. Bereits im Dezember hatten die Unterzeichnerstaaten der Genfer Konventionen ein Zusatzprotokoll verabschiedet, das den Kristall als Schutzzeichen festschreibt. Auf der internationalen Rotkreuz-Konferenz am Dienstag und Mittwoch in Genf war nun eine entsprechende Änderung der Rotkreuz-Statuten beschlossen worden.

Eine Ausnahme

Streng nach den Statuten wäre auch eine Aufnahme des palästinensischen Halbmonds nicht möglich gewesen, da er nicht in einem anerkannten Staat gegründet worden war. Dafür machten die Delegierten - Vertreter der Unterzeichnerstaaten, der Rotkreuz-Organisationen und des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes - eine Ausnahme.

Der Nahostkonflikt konnte trotz des eigentlich humanitären Inhalts der Konferenz freilich nicht ausgespart werden. Die Staaten der Islamischen Konferenzorganisation hatten gefordert, die Zuständigkeit der entsprechenden arabischen Länder für die von Israel besetzen Gebiete festzuschreiben. Alle Versuche, einen Konsens auszuhandeln, scheiterten. Am Ende stimmte die große Mehrheit in einer Kampfabstimmung für die Resolution. Wolfang Kopetzky, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, zeigte sich erleichert: "Das verbessert vor allem die Voraussetzungen für die Zusammenarbeit der israelischen und palästinensischen Organisationen ganz wesentlich." (DER STANDARD, Printausgabe, 23.6.2006)

von Julia Raabe
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