Gegen den akademischen Drill

13. Juli 2007, 11:58
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Künstlerisches Arbeiten braucht man vor allem viel Zeit, berichtet Esther Stocker im Interview über ihre Malerei-Ausbildung

Künstlerisches Arbeiten braucht vor allem viel Zeit, meint Esther Stocker, die 1999 bei Eva Schlegel die Klasse für Malerei abschloss: Müssen die Studenten nebenbei zu viel arbeiten, nützt das beste Lehrangebot nichts.

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STANDARD: Wie sah die Ausbildung zu Ihrer Studienzeit aus?

Stocker: Es gab einiges an Praxis und ein anfangs etwas mageres Theorie-Angebot und viel Zeit und was man wohl damit anfangen könnte. - Nachdenken, rumhängen, arbeiten und Ideen entwickeln, depressiv werden. Aber im Ernst: Viel Zeit zur Entwicklung künstlerischer Arbeit ist wichtig. Ich bin gegen akademischen Drill.

STANDARD: Woran erinnern Sie sich gern?

Stocker: An das Semper-Depot: Ein Ort, der Offenheit ausstrahlte und den die "alten" Professoren anfangs gar nicht wirklich integrieren wollten. Und so sind einige alleine "abgewandert" und haben sich dort eigentlich selbst betreut.

STANDARD: Was sollte vermittelt werden?

Stocker: Der Spaß an der Kunst, Selbstvertrauen und Kritikfähigkeit.

STANDARD: Was hat es Ihnen gebracht? Hilfe bei der "Positionierung am Kunstmarkt"?

Stocker: Leute kennen gelernt zu haben, die sich für Ähnliches interessieren, erscheint mir rückblickend am wichtigsten. - "Positionierung am Kunstmarkt": Ich habe fast Angst, das könnte eine neue Studienrichtung werden. Aber offenes Experimentieren sollte eher im Vordergrund stehen.

STANDARD: Welche Rolle spielte eigentlich der Professor?

Stocker: Meinem alten Professor wollte ich gerne eine reinhauen. Ich fühlte mich unverstanden, aber habe ihn wohl auch nicht verstanden. Meine spätere Professorin habe ich für ihren Einsatz respektiert. Aber aus beiden Erfahrungen habe ich etwas gewonnen.

STANDARD: Was fehlte?

Stocker: Zu Beginn war die Akademie sehr eingeschlafen. Einige Professoren haben ihre Moderne-feindliche und reaktionäre Haltung nicht verheimlicht. Das Institut für Gegenwartskunst hat den wichtigsten Unterricht geliefert. Ein gutes Lehrangebot nützt nichts, wenn die Studenten zu viele Jobs zum Überleben brauchen. Begabte Studenten nützen nichts, wenn ihnen keine angemessenen Situationen zur Entwicklung geboten werden.

STANDARD: Wie sieht also die ideale Situation aus?

Stocker: Sehr ideal gesprochen: mehr Lehrende für weniger Studenten und interessante, bezahlte Jobs für Studenten an der Akademie selbst. (kafe/DER STANDARD Printausgabe, 22. Juni 2006)

  • Esther Stocker hat 1999 bei Eva Schlegel in Malerei abgeschlossen.
    foto: standard/´corn

    Esther Stocker hat 1999 bei Eva Schlegel in Malerei abgeschlossen.

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