Österreich ist tragbar

9. August 2006, 13:18
posten

Mit der Antwerpener Designerin Veronique Branquinho sprach Stephan Hilpold vorab über das Mode-Entwicklungsland Österreich

Beschönigungen sind ihre Sache nicht - weder bei der Mode, die sie entwirft, noch in der Beurteilung der österreichischen Modeszene. Veronique Branquinho, belgische Vorzeigedesignerin und seit zwei Semester Leiterin der Modeklasse der Wiener Angewandten - der Kaderschmiede für österreichischen Modedesign - ist überzeugt: "Mode ist kein Thema in diesem Land."

Trotzdem fällt die alljährliche Leistungsschau der hiesigen Szene von Jahr zu Jahr imposanter aus. Aus der Fashion Week wurde heuer ein ganzes Festival ("6 festival for fashion, music & photography"), die Zahl der Modeschauen wurde angehoben. Das sei kein Widerspruch, befindet Branquinho: "International blickt man sehr interessiert auf Wien. Allerdings nur eine gewisse Szene: Avantgardeshops, an Konzepten interessierte Einkäufer und dann der gesamte japanische Markt."

Letzterer ist der Hauptabnehmer der meisten Designer und Labels, die in den nächsten drei Tagen in der Galerie der Forschung in der Wiener Wollzeile ihre Kreationen präsentieren. In heimischen Läden ist Mode aus Österreich dagegen kaum zu finden: "Die wirklich wichtigen Designer aus Österreich sind nicht im Mainstream angesiedelt. Sie machen Umwege, sind nicht primär an Farben, Stoffe und Schnitte als an Geschichten, Konzepten und Haltungen interessiert."

Für Branquinho hat sich Österreich damit in den vergangenen Jahren eine wichtige Position auf der internationalen Modelandkarte gesichert. Eine Nische zwar, aber eine mit großer Ausstrahlung: "Die Lücke nach dem Abgang von Helmut Lang ist natürlich groß. Aber er galt sowieso schon lange nicht mehr als österreichischer Designer." Derzeit assoziiert man in Paris, London oder Antwerpen mit Mode aus Österreich eher den Schmuckdesigner Florian Ladstätter, den Männermodemacher Petar Petrov oder das Avantgardelabel Wendy & Jim.

Untragbare Mode

Deren Haltung zu Mode ist durchaus mit jener des Übervaters der heimischen Mode vergleichbar: konzeptionell ausgefeilt und intellektuell anspruchsvoll. Konsumentenfreundlich ist diese Haltung nicht unbedingt, "untragbar" lautet denn nicht selten der Vorwurf, mit dem sich die heimischen Modemacher auseinander setzen müssen. Zu Unrecht, befindet Branquinho: "Konzeptionell arbeitende Designer zeigen ein Universum, kreieren eine Atmosphäre, machen Statements. Aber am Ende ist niemand daran interessiert, ein Konzept zu tragen. Das weiß man auch in Wien."

Auch hier zu Lande sind jene Entwicklungen nicht spurlos vorüber gegangen, die in den vergangenen Saisonen auf den großen Modeschauen unübersehbar waren: Nach einer Überdosis an billiger Mode, an Kopien und übergroß sichtbaren Labels, ziehen nun wieder die Qualitätsstandards an. "Qualität ist der neue alte Luxus", meint Branquinho, und sie mahnt denn auch in Österreich verstärkt die Zusammenarbeit zwischen Avantgarde und Tradition an: "Diese starken Kontraste in diesem Land, die Orientierung an Traditionen auf der einen, die absolute Avantgarde auf der anderen Seite, bestimmt auch die Mode. Warum baut hier kaum jemand Brücken?"

Beispiele sind in der Tat dünn gesät: Neben der Hutmanufaktur Mühlbauer, die in Japan in den vergangenen Jahren zur Kultmarke avancierte, versucht jetzt auch der Herrenausstatter Licona eine Imagekorrektur. Und setzt dabei auf österreichische Avantgarde-Designer. Nur so schaffen diese es derzeit in die heimischen Läden. (Der Standard, Printausgabe 22.6.2006)

  • Im Ausland haben es Modedesigner deutlicher einfacher als in Österreich. Eine Kreation des Tirolers Peter Pilotto. Er lebt in Antwerpen, genauso wie Veronique Branquinho, Leiterin der Modeklasse der Wiener Universität für Angewandte Kunst.
    pieter huybrechts and ellen smeets

    Im Ausland haben es Modedesigner deutlicher einfacher als in Österreich. Eine Kreation des Tirolers Peter Pilotto. Er lebt in Antwerpen, genauso wie Veronique Branquinho, Leiterin der Modeklasse der Wiener Universität für Angewandte Kunst.

Share if you care.