"Essen sollte etwas Selbstverständliches sein"

22. Juni 2006, 07:00
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Sabine Fabach und Bettina Reinisch vom Institut Frauensache über Problematik und Therapie von Ess-Störungen

Das Institut Frauensache ist eine psychotherapeutische Praxisgemeinschaft und besteht seit 1997. Drei Therapeutinnen - unter ihnen Mag.a Sabine Fabach und Bettina Reinisch - arbeiten nach dem Personen zentrierten Ansatz von Carl Rogers. Neben dem Reden steht das Erleben im Vordergrund, ebenso werden aber auch kreative Medien eingesetzt, Arbeit mit Bausteinen, schreiben und malen.

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dieStandard.at: Welche Frauen und Mädchen kommen zu Ihnen? Wie schaut der Altersdurchschnitt aus?
Reinisch: Es kommen Frauen jeden Alters, zwischen 15 und 70, ältere eher selten, der Großteil ist zwischen 20 und 40. Mädchen werden eher von den Müttern geschickt.

dieStandard.at: Und wie viele davon kommen aufgrund von Ess-Störungen?
Reinisch: Von etwa 150 Klientinnen im Jahr, kann man sagen, dass 25 Prozent essgestört sind.
Fabach: Wobei man sagen kann, dass Essen und auch Essanfälle für mehr Frauen, ja etwa 50 Prozent der Frauen, ein Thema ist.

dieStandard.at: Wann, also mit welchem Leidensdruck, entschließen sich die Frauen zu einer Therapie?
Fabach: Das hängt von der Art der Störung ab. Magersüchtige haben lange kein Problem mit ihrem Gewicht, kommen erst ganz spät bzw. werden von den Müttern gebracht. Bulimikerinnen kommen, wenn ihr Leidensdruck zu groß wird und sie auch bereits physische Probleme haben. Frauen mit Essattacken, die nicht erbrechen, sehen die Ess-Störung nicht als ihr primäres Problem, meist kommen sie, weil sie allgemein mit ihrem Leben nicht zurecht kommen, unter Depressionen leiden.

dieStandard.at: Glauben Sie, dass Ess-Störungen zunehmen oder werden sie jetzt mehr wahrgenommen aufgrund von verstärkter medialer Aufklärung? Die Frage ist, ob diese Problematisierung nur positiv zu sehen ist oder die vermehrte Thematisierung auch einen negativen Effekt nach sich zieht, im Sinne eines Nachahmungseffektes?
Reinisch: Ich glaube nicht, dass der durch die Problematisierung eintritt. Was ich schon glaube, ist, dass der Einfluss der Werbung, also welche Frauen vorgeführt werden, verstärkend wirkt. In einer kanadischen Untersuchung wurde belegt, dass 80 Prozent einer großen untersuchten Gruppe von Models untergewichtig und essgestört sind. Auf die Altersgruppe der Mädchen zwischen 14 und 20 hat das enormen Einfluss.
Fabach: In den Peer-Groups in der Schule kann man schon von einem Nachahmungseffekt sprechen. Wenn in einer Klasse fünf Mädchen eine Ess-Störung haben, kann es sein, dass die Nachahmung eintritt, weil der Druck, dünn zu sein, sehr groß ist.
Reinisch: Dass Ess-Störungen zunehmen, denk ich schon. Und der Einfluss der Medien ist problematischer als die Peer-Groups. Alleine die Vermittlung von Diäten, die sind ja eigentlich eine Einstiegsdroge und nachgewiesenermaßen ungesund. Wenn’s vorbei ist, nimmt man mehr zu als man abgenommen hat, der berühmte Jojo-Effekt. Es gibt heute schon zehnjährige Mädchen, die bereits mit Diäten anfangen. Und das ist schon dramatisch. Und das Verhältnis zum normalen Essen geht verloren. Dass es zunimmt, höre ich von Ärztinnen und Ärzten in der Psychiatrie. Dramatisch zunimmt, vor allem bei den jungen Mädchen, die werden immer jünger.
Fabach: Ich denke, dieser Druck, dünn zu sein, eine perfekte Figur zu haben, das kommt ja wirklich aus verschiedenen Richtungen. Es kommt aus den Medien und auch von den eigenen Müttern, die Diätverhalten und Kampf mit dem eigenen Körper und Gewicht ja vorleben. Mädchen und auch Burschen wachsen ja damit auf, dass der Körper zu dick ist, nicht richtig ist. Die Themen Fitness und Schlankheit sind ja überall präsent.

dieStandard.at: Welche Ursachen gibt es jenseits vom medialen Einfluss? Es werden ja nicht alle Mädchen essgestört. Also bedarf es meiner Ansicht nach auch negativer Erlebnisse, die viel weiter zurückreichen, die in der frühen Kindheit liegen.
Reinisch: Ja, Anorexie und Bulimie sind ja autoaggressive Verhalten und das könnte man schon als Spiegel der Aggressionsbewältigung sehen, die Mädchen in der Kindheit erlebt haben.
Fabach: Das ist ein Bewältigungsversuch, wenn auch kein geglückter, entweder von sehr massiven inneren Konflikten oder Traumata aufgrund von Übergriffen, also ein aktives Tun, mit etwas zurechtzukommen, das ganz schwer bewältigbar ist. Das ist natürlich kein idealer Versuch und kein konstruktives Lösen eines Konflikts, eines unbewältigten Traumas.

dieStandard.at: Geht es also darum, die Kontrolle über das eigene Leben aufrecht zu erhalten?
Fabach: Ja, Kontrolle oder Balance, je nachdem, worum es geht. Ein Versuch, autoaggressive oder aggressive Impulse im Griff zu halten.

dieStandard.at: Übergriffe in der Kindheit sind ja zumeist sehr gut verdrängt. Ist es nicht sehr schwierig, heraus zu finden, was passiert ist? Wie gehen sie als Therapeutinnen da vor?
Reinisch: Ja, Nicht-Erinnern ist ja auch eine Schutzfunktion. Und erst wenn jemand zuhört und die Rahmenbedingungen da sind, so dass man sich überhaupt ein Stück fallen lassen kann, dann kann es sein, dass Erinnerungen kommen, Träume, Flash-Backs... Wir Therapeutinnen forcieren das aber nicht, sondern es geht ums Entstehenlassen, Wachsenlassen...

dieStandard.at: Und wenn das Verdrängte auch in der Therapie nicht hoch kommt? Sagen wir im Falle von sexuellem Missbrauch im Mädchenalter, wie kann es dann zur Heilung einer Ess-Störung kommen?
Fabach: Wenn der richtige Zeitpunkt da ist, sich das anzuschauen, dann kommt es von alleine, wenn es nicht möglich ist aufgrund von mangelndem Vertrauen und falschen Rahmenbedingungen, dann passt es eben noch nicht. Da haben wir das Vertrauen, wenn der richtige Zeitpunkt da ist, kommen Erinnerungen. Wenn nicht, dann gibt es andere Lösungen. Ess-Störungen sind - wie bereits gesagt – Bewältigungsversuche. Was wir in der Therapie machen, ist zu schauen, welche anderen Strategien gibt es, die nicht selbstschädigend sind oder welche anderen Möglichkeiten hat die Frau, um Kontrolle über ihr Leben zu erlangen. Strategien zu finden, damit die Funktion der Ess-Störung nicht mehr gebraucht wird oder nur mehr ganz selten gebraucht wird. Also, wie sie damit umgehen kann.
Reinisch: Wenn mir eine Klientin mit Ess-Störung gegenüber sitzt, sehe ich ja vor allem die Person und nicht die Störung. Wenn man ihr den Raum gibt und die Möglichkeit, sich als ganze Person zu verstehen, dann ist es interessant zu sehen, was Klientinnen dann selbst entwickeln an Ideen, wie sie ihr Essproblem verändern könnten. Wir therapieren ja nicht die Ess-Störung, sondern wir arbeiten mit der Person, nehmen Beziehung auf sie und geben ihr Raum, damit sie sich selbst verstehen kann und oft ist ein Nebeneffekt, dass sich die Ess-Störung verändert.
Fabach: Die Ess-Störung ist ja ein Symptom, drückt ja was aus, ist ja nicht die Ursache des Problems, sondern eine Handlungsstrategie. Es kann ja nur verändert werden, wenn die Klientin versteht, wofür die Ess-Störung steht. Im Laufe der Therapie wird ihr klar, in welchen Situationen sie Ess-Anfälle hat. Je klarer das wird, umso eher kann die Frau sehen, das ist eine heikle Situation oder ich mach mich generell autonomer.

dieStandard.at: Sind also Ess-Anfälle Kompensationshandlungen? Ein sich selbst gefühllos Machen durch enorme Nahrungsaufnahme, um schwierige Situationen erträglicher zu machen?
Fabach: Nicht generell, da muss man schon unterscheiden. Bei Anorektikerinnen geht es ganz viel um Kontrolle über das eigene Leben, wenn sie es sonst schon nicht haben, dann wenigstens über das Essen, über den eigenen Körper. Es geht um Selbstbestimmung. Bei Bulimie ist der Kontrollaspekt nicht so im Vordergrund. Das sind eher sehr brave, angepasste Töchter. Sie müssen – auch symbolisch – Nahrung zu sich nehmen, die ihnen nicht gut tut. Nach außen hin ist alles in Ordnung, sie erbrechen ja heimlich. Und auch ihr Körper wird nicht auffällig dünn, bleibt im gesellschaftlich akzeptiertem Rahmen. Im Gegensatz zu magersüchtigen Mädchen, da sieht man bald, das etwas nicht stimmt.

dieStandard.at: Wie schaut das beim Bulimie non-purging-type aus, also bei Frauen mit Ess-Anfällen, die nicht erbrechen?
Reinisch: Das ist ganz anders gelagert als Anorexie. Es hängt wohl auch damit zusammen, dass Mütter ihren Kindern, wenn sie schreien, also irgendeine Form von Unwohlsein äußern, gleich irgendwas in den Mund stopfen. Ich habe einige Klientinnen, die viel essen und stark übergewichtig sind und überhaupt nicht ihre Gefühle spüren. Also die können nicht unterscheiden, hab ich jetzt Hunger oder bin ich grantig. Da geht es darum, empfinden zu lernen, was sie jetzt spüren, ob das überhaupt Hunger ist. Essen als Methode, um sich zu beruhigen, wurde oft schon im Babyalter erlernt. Adipositas hat mehr mit Gewohnheit zu tun, mit einem gelernten Essverhalten, das genauso eine Funktion erfüllt: Gefühle wegessen, nichts mehr spüren, sich eine Schutzschicht zulegen.

 

dieStandard.at: Welche Möglichkeiten gibt es, Ess-Störungen zu vermeiden? Was können Eltern tun?
Reinisch: Essen sollte etwas Selbstverständliches sein und nicht dauernd thematisiert und dadurch überbewertet werden. Auch wenn Kinder zuviel essen, sollten keine Verbote ausgesprochen werden. Und natürlich sind die Eltern Vorbild, also so wie sie essen, welche Beziehung sie zu ihrem eigenen Körper haben, ob sie Diäten machen, ob sie sich selbst zu dick finden etc...
Fabach: Ein gemeinsames Essen am Tag wäre förderlich, um miteinander Zeit zu verbringen und einen entspannten und ausgewogenen Umgang mit Nahrung zu erlernen. Auch Macht und Demütigung über das Essen ist sehr schädlich. Die meisten Mädchen und Frauen mit Ess-Störungen wurden als Kinder zum Aufessen gezwungen.

dieStandard.at: Wie lange dauert eine Therapie?
Reinisch: Bei einer massiven Ess-Störung etwa drei Jahre, wobei die Klientinnen anfangs einmal pro Woche kommen und dann später seltener, je nach Bedarf.

 

dieStandard.at: Was kostet das? Was übernimmt die Krankenkasse?
Fabach: 72 Euro pro Einheit, wovon die Sozialversicherung 21,80 zahlt.

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Institut Frauensache

Das Gespräch führte Dagmar Buchta

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