Musikrundschau: Steinalter Blues und halbwegs moderne Elektronik

28. Juni 2006, 13:42
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Neue Alben von Elvis Costello & Allen Toussaint, Aphex Twin und Ekkehard Ehlers

ELVIS COSTELLO & ALLEN TOUSSAINT
The River In Reverse

(Verve/Universal)
Der große britische Songwriter und eine Musikerlegende aus New Orleans haben sich nach ihrer alten Kollaboration für Costellos unterschätztes Meisteralbum Spike aus 1989 anlässlich eines Benefizkonzerts für die Hochwasseropfer von Toussaints Heimatstadt wiedergefunden. Besser und zwingender als alles, was Klassikstreber Costello während der letzten Jahre einspielte, sind hier 13 ältere und neue piano- und orgellastige Songs aus dem Herzen des US-Südens eingespielt worden, die die Herkunft beider Musiker auf organische Weise miteinander verschränken. Black trifft Blue Eyed Soul. Toll!

APHEX TWIN
Chosen Lords
(Rephlex/Rough Trade)
Das letzte Album von Richard D. James, dem alten britischen Großmeister zwischen Avantgarde und Techno und Hippie und Maschine, datiert aus 2001 und titelt Drukqs, eine irre Zusammenführung all seiner Einflüsse zwischen Ambient, moderner Klassik, Drum 'n' Bass und jenem Bastard, den man einst Intelligent Techno nannte. Seitdem veröffentlichte James wahlweise als Aphex Twin oder AFX diverse auf Vinyl-Maxis und den Dancefloor wie seine Anfänge als Acid-Schädel zielende Tracks unter dem Projekttitel Analord. Eine Kompilation daraus liegt jetzt für all jene, die noch immer keine DJs geworden sind, auch als CD vor. Herrlich durchgeknallte elektronische Musik, die bei allen schroffen Schraffuren und bewusster musikalischer Dekonstruktion von harmonischen Lehren und menschlichem Anstand immer herzensgut und -wärmend bleibt.

EKKEHARD EHLERS
A Life Without Fear

(Staubgold)
Der deutsche Klang- und Samplingkünstler bewegte sich zuletzt von Frickel-Elektronik zunehmend Richtung Avantgarde und seines neuen Vorbilds Helmut Lachenmann. Gemeinsam mit Gitarrist Joseph Suchy und Trompeter Franz Hautzinger sowie Sänger "Howard Katz Fireheart" zerbröselt Ehlers hier alte Bluesplatten hin zu ihren atmosphärischen Außenrändern, sprich: das Kratzen alter Vinylplatten und das Grammeln der Auslaufrille werden hier ebenso ernst genommen wie die eigentlich gesampelten Songs steinalter Blues-Knarzer. Anders als die Kollegenschaft geht Ehlers mit seinem Laptop nicht direkt ins Studiomischpult, sondern jagt sein Powerbook durch alte Gitarrenröhrenverstärker. Das klingt deftig brummend und modern, verkopft wie erfrischend - und die ganze Angelegenheit wird sich auf Waldviertler Blues-Festivals leider nicht wirklich durchsetzen. Dieses Album ist jedenfalls neben dem Schaffen der gar nicht genug zu lobenden Jon Spencer Blues Explosion ein weiterer Beweis für die unbändige Kraft eines totgesagten Genres. (schach /DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.6.2006)

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