Buben treffen Herren

9. August 2006, 13:19
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Stephan Schneider ist die Gegenthese zum lauten Modebetrieb - Überschaubare Kollektionen, kontrollierte Fertigung und eine unverwechselbare Identität

Reyndersstraat in Antwerpen. Eine kleine Seitenstraße, viele geduckte Häuser. Beinahe wäre man an der Nummer 53 achtlos vorbeigegangen, an dem winzigen Laden mit der dunklen, lackierten Holzfassade. "Stephan Schneider" steht in dünnen Lettern auf dem Schaufenster. Zwei, drei ausgewählte Kleidungsstücke liegen dahinter.

"Man muss entdeckt werden", wird Stephan Schneider später an diesem Nachmittag sagen. Bewusst nachgeholfen wird bei diesem Modedesigner nicht. Anzeigenkampagnen, PR-Auftritte, Mediengeschichten? Schneider schüttelt den Kopf. "Ich habe vor Kurzem sogar meinen Presseagenten gekündigt."

Klein bleiben und trotzdem groß

Im lauten Modegeschäft ist Stephan Schneider so etwas wie die Gegenthese, der Beweis, dass es auch anders geht. Dass man klein bleiben und trotzdem mehr als ein lokaler Modedesigner sein kann. Der deutsche Designer, der bereits seit Ende der 80er-Jahre in Antwerpen lebt, zeigt auf den Schauen in Paris, den Großteil seines Umsatzes macht er in Japan. "Das funktioniert aber nur", sagt er, "weil ich in Belgien lebe."

Mode hat hier einen Stellenwert wie kaum irgendwo sonst. Hier lässt es sich kostengünstig produzieren, hier kennt auch der Mann auf der Straße jene Namen, die in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu belgischen Aushängeschildern wurden. Dries van Noten, Ann Demeulemeester, Dirk Bikkembergs, Walter van Beirendonck oder Martin Margiela. Sie gehören alle der ersten Generation jener Designer an, die in den 80ern zusammen mit den japanischen Kollegen die Mode revolutionierten.

Stephan Schneider ist eine Generation jünger. 1969 in Duisburg geboren, absolvierte er in Antwerpen das Modestudium an der berühmten Königlichen Akademie der schönen Künste. 1994 graduierte er als Klassenbester, zwei Jahre später bezog er bereits seinen ersten Flagship-Store in Antwerpen. In der Reyndersstraat 53. "Anfangs schlief ich sogar hier, im oberen Stockwerk hatte ich eine Matratze." Diese Zeiten sind schon des Längeren vorbei. Über zwei Stockwerke des schmalen Hauses erstreckt sich der Laden, auf den übrigen vier wird gezeichnet und telefoniert, werden Stoffe ausgesucht und Schnitte festgelegt.

In etwa 120 Teile umfasst jede Kollektion

Jene für Männer sowie jene für Damen. Wobei Schneider in erster Linie als Herrendesigner bekannt ist - auch wenn die Umsätze von Anfang an bei den Damen besser waren. "Konzeptionell kann ich mit Herrenmode einfach mehr anfangen", erzählt der Designer, "hier habe ich das Gefühl, etwas neu, etwas anders machen zu können." Was das genau ist, ist gar nicht so einfach zu beschreiben.

Buben treffen auf Herren: Vielleicht kommt man mit dieser Wendung der Schneider'schen Männermode näher. Etwas Jungenhaftes (an Buben präsentiert er seine Mode am liebsten) zeichnet nämlich beinahe alle seine Kreationen aus - genauso wie das Spiel mit Details aus der klassischen Herrenschneiderei. Die Farben, die er wählt, sind matt, oft arbeitet Schneider mit Drucken. Der flämische Einschlag ist unverkennbar, auch wenn sich Schneider ganz gern von der "belgischen Schule" distanziert. "Mittlerweile verwende ich selbst schon Schwarz in meinen Kollektionen", erzählt Schneider und muss dabei unwillkürlich lachen.

Über die Jahre hinweg ist Schneiders Mode subtiler geworden. Humor kommt nicht mehr in großformatigen Aufdrucken daher, Anspielungen werden eher unter-als überakzentuiert. "In Europa wird das geschätzt, in Japan weniger." Hier hat Schneider allerdings auch einen Schritt zurück gemacht. Das Geschäft in Tokio - es war wesentlich größer als jenes in Antwerpen - hat der Modemacher wieder geschlossen und die allgemeinen Verkaufspunkte reduziert. "Vor fünf Jahren gab es in Japan einen regelrechten Schneider-Boom", erzählt der Designer, "ich expandierte, stellte Schuhe und Taschen her. Doch meine Strukturen waren dafür einfach nicht adäquat." Dann änderte sich der Modemarkt, alles wurde wieder überschaubarer.

Kreative Arbeit im Vordergrund

Mittlerweile ist Schneider mit der Größe seines Betriebs zufrieden. Er kann sich verstärkt wieder um den kreativen Teil seiner Arbeit kümmern, bis in alle Einzelheiten kontrolliert er die Fertigung der Kleidungsstücke. Und manchmal steigt er sogar selbst hinunter in den Laden und berät seine Kunden. "Der Austausch ist mir wichtig", sagt er, "ich will wissen, wie meine Mode wirkt."

Minutiös tüftelt er denn auch an der Präsentation seiner Kollektionen. Mit der Damenmode hat er sich bisher noch nicht nach Paris gewagt, umso spezieller aber sind seine Männershows. Die African-Tofu-Kollektion vor einem Jahr - eine an "alternativen" Kleidungsstücken orientierte, zur Gänze aus gewebten Stoffen hergestellte Kollektion - präsentierte er im Supermarkt, bei der diesjährigen Frühjahr/ Sommer-Kollektion liefen die Modells über Waschmaschinen.

Unverwechselbare Identität ist maßgeblich

"Als kleines Label ist es extrem wichtig, dass man eine unverwechselbare Identität bewahrt", sagt der Designer. Mittlerweile sitzt man im zweiten Obergeschoß des Antwerpener Hauses. Es gibt Kaffee, und Stephan Schneider kramt in alten Unterlagen. Von der Decke baumeln Mäntel und Pullover, an den Wänden hängen Stoff- und Schnittmuster. Anfang Juli wird Schneider in Paris seine nächste Männerkollektion präsentieren, wo genau, das weiß er jetzt, Ende Mai, noch nicht. Genauso wenig, wie sie genau ausschauen wird. "Sicher, ich habe die Stoffe ausgesucht, und ich habe eine grobe Vorstellung, in welche Richtung es gehen soll." Der Rest wird sich weisen, da macht sich Stephan Schneider keine Sorgen: "Immer schön Ruhe bewahren, bis jetzt hat das immer funktioniert.
(Der Standard/rondo/23/06/2006)

Stephan Hilpold war beim deutschen Designer in Antwerpen zu Besuch.

In Österreich ist die Mode von Stephan Schneider bei Park in der Mondscheingasse 20, 1070 Wien erhältlich.
  • Stephan Schneider
    foto: stephan schneider

    Stephan Schneider

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