Hotzenplotz

22. Juni 2006, 17:00
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Der große Verbrecher gedeiht jetzt auch wieder bei uns, auch wenn er nur selten hochgeht

Das Gute zuerst: Den heimischen Schurken, es gibt ihn noch. Was Österreicher noch unlängst neidvoll über die Grenze schielen ließ, gedeiht jetzt auch wieder bei uns: der große Verbrecher. Erfreuen konnte man sich ja hierorts zuletzt an Viktor Runa, dem juvenilen Geldbotengeldräuber, der seine elf Millionen Schilling, wie er unglaubwürdig versicherte, in einer Aktentasche hinter einem Würstelstand geparkt hatte und ihrer dann aus Unachtsamkeit verlustig gegangen war.

Zu Jahrtausendbeginn dümpelte dann ein der Langeweile entsprungener Salzschüsserl-Diebstahl auch nach seiner Aufklärung in derselben und konnte selbst durch die packenden Analysen des scharfsinnigen Museumsdirektors nicht in die Fama gerettet werden. Woran es dem Land seit Udo Proksch gebrach, war der Kriminelle von Format. Oder wenigstens eine echte Bestie. Wo der Deutsche diesbezüglich mit einem Bekloppten aufwarten kann, der seinem Brieffreund in bestem Einvernehmen und unter Lokalanästhesie das Spatzi abgeschnitten, gebraten und es dann beim gemeinsamen Mahl verzehrt hatte, mobbt man bei uns einen wählerischen Braunbären, der von Schafen abbeißt, ohne sie aufzuessen.

Zwar hat man kürzlich den Besitzer einer klandestinen Zigarettenfabrik sowie 100 Kilo unter Holz verborgene Goldbarren aufgetan, der Herr Bösewicht konnte sich unserer patriotischen Hochachtung jedoch dadurch entziehen, dass er Ausländer ist.

Gott sei Dank haben wir jetzt aber wenigstens die Bawag-Bande - fidele Prasser, die sich dabei erwischen haben lassen, wie sie richtig Asche - und zwar möglicherweise nicht ganz redlich erworbene - beim Golfen in Mougins oder auf den Bahamas verlustieren, bravo! Wenn sich jetzt noch jemand erbarmen würde (Hallo, News!) und eine politisch unkorrekte Eurofighter-Provision von, sagen wir, drei Prozent, also 60 Millionen Eulen aufdecken könnte, dann ist uns nicht mehr bange um dieses Land, dann sind wir wenigstens schurkisch auf internationalem Standard.

Das Blöde ist natürlich, dass die oft im Verborgenen agierenden Kriminellen derzeit kaum hochgehen können: Mit einem Gefühl für perfektes Timing ist zum suspendierten Hofrat Geiger jetzt auch noch sein Kontrahent und Kripo-Kommandant auf dem Bankerl gelandet. J'accuse!
(Una Wiener/Der Standard/rondo/23/06/2006)

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    foto: der standard/matthias cremer
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