"Ich fühle tiefe Scham"

10. Juli 2006, 13:48
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Nationale Allianz im Sog einer schäbigen Sex-Affäre

Für Parteichef Gianfranco Fini handelt es sich um eine "Attacke auf das Herz der Nationalen Allianz". Doch die von der Staatsanwaltschaft abgehörten Telefongespräche deuten darauf hin, dass im jüngsten Skandal um die Rechtspartei andere Körperteile eine wichtigere Rolle spielen als das Herz. Das gilt jedenfalls für Domenico Sottile, Finis sizilianischen Sprecher, den Journalisten nur mit einem Kaugummi im Mund kennen.

Sottile hat sich nicht darauf beschränkt, dem verhafteten Thronfolger Vittorio Emanuele Gefälligkeiten in verschiedenen Ministerien zu erweisen. Wenn es darum ging, hübsche Mädchen in den seichten Programmen des Staatsfernsehens RAI zu platzieren, forderte er selbst Gefälligkeiten. Nicht nur ließ Sottile das Showgirl Elisabetta Gregoraci mit dem Dienstwagen ins Außenministerium kutschieren. Jetzt spekulieren Medien darüber, wie viele Fernsehsternchen ihre Karriere einem Schäferstündchen auf den Sofas in Finis Vorzimmer verdanken. Die RAI hat eine Untersuchung eingeleitet und mehrere Programmverantwortliche suspendiert. Und Gregoracis derzeitiger Freund Flavio Briatore droht jetzt mit rechtlichen Schritten. Doch Sottiles Telefonmitschnitte verdeutlichen vor allem, wie es sich die Nationale Allianz in den Sesseln der Macht bequem gemacht hat.

Freunde zur Post

Pech für Fini, dass in den abgehörten Gesprächen auch seine Frau Daniela auftaucht. Mit seinem persönlichen Referenten Francesco Proietti Cosimi bespricht sie die undurchsichtigen Geschäfte einer gemeinsamen Firma und sorgt dafür, dass Freunde bei der Post angestellt werden.

Die Nationale Allianz ist ihr jahrelang sorgfältig gepflegtes Saubermann-Image los. Italiens bekanntester rechter Schriftsteller Pietrangelo Buttafuoco ist angewidert: "Ich fühle tiefe Scham."Doch während Sottile am Mittwoch in Potenza verhört wurde, erschütterte schon ein neuer Schmiergeldskandal das Rechtsbündnis. Der Forza-Italia-Abgeordnete Raffaele Fitto, der mit 31 Jahren zum Präsidenten der Region Apulien gewählt wurde, soll einem befreundeten Unternehmer gegen eine halbe Million Euro den Auftrag zur Errichtung von elf Altersheimen vermittelt haben. Der Haftbefehl konnte wegen Fittos Immunität nicht vollstreckt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2006)

Von Gerhard Mumelter aus Rom
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