Ihm fehlen nur zehn Minuten

Redaktion, 17. Juni 2000, 00:06

STANDARD-Interview mit Christoph Schlingensief

Bei seinem Wiener Festwochen-Container-Spektakel sind alle deutschsprachigen Medien "alarmiert": Christoph Schlingensief beschenkt uns von 11. bis 17. Juni mit der Aktionswoche "Bitte liebt Österreich!" ..und sprach mit Claus Philipp über das, was politisches Theater heute bedeuten könnte.

 

Standard: Wenn man die Berichterstattung über Ihr Wiener Festwochen-Projekt verfolgt, ist man teilweise wieder einmal mit den alten pawlowschen Reflexen auf Schlingensief-Aktionen konfrontiert. Zum Beispiel stellen Gegner dann gerne die Frage, ob das denn mit Kulturgeldern finanziert werden sollte, wenn jemand unseriös zu Revolution und Widerstand aufruft. Wie schätzen Sie denn selbst die Wirkung und Auswirkung Ihrer Inszenierungen ein?

Schlingensief: Mittlerweile glaube ich: Die radikalste Form der Revolution ist, sich ins Krankenhaus einliefern zu lassen, und auf einer Operation zu bestehen - und sich dann, wenn man wieder rauskommt, weiter operieren zu lassen. Rekonvaleszenz hat noch keinem geschadet, aber: Zurück in den OP! Das nennt man in der Kunst „L’art pour l’art“. Und man müsste es ganz schmerzhaft auf das Theater übertragen. Einfach sagen: Kunst, Kultur, Revolution, Widerstand sind L’art-pour-l’art- Ereignisse, sind selbst operative Eingriffe. Und sie werden tatsächlich nichts bewirken.

Standard: Und das spielen Sie jetzt auch in und rund um einen Asylanten-Container vor der Wiener Staatsoper - unter dem Motto „Bitte, liebt Österreich!“ - als „Koalitionswoche“ aus?

 

Schlingensief: Ja: Was sehe ich hier? Die Krone, die FPÖ, Schüssel und seine Umfallerpartei. Dagegen: ich, angeblich unseriös. Dabei werde ich doch die ganze Zeit mit unseriöser Politik konfrontiert - auch in Deutschland. Also, wenn das, was da praktiziert wird, wirklich Ernsthaftigkeit ausdrückt, dann weiß ich nicht mehr, was ich bin. Das wird ja mittlerweile alles so bedeutungsschwer vorgetragen: Politisch entscheiden und ernsthaft abwägen und dann wieder - nach langen ernsthaften Entscheidungsfindungsprozessen - entscheiden. Und wenn dann Kritik laut wird, heißt es immer: Da haben wir aber Bedenken. Immer hat irgendjemand Bedenken! Wenn der Handke alle Bedenken beachtet hätte - Bedenken Sie möglichen Sprit-Mangel! Und haben Sie überhaupt Selbstverteidigung gelernt? - wäre er gar nie nach Serbien gekommen. Ich bin aber, wenn auch kein besonderer Handke-Fan, froh, dass überhaupt noch einer losfährt. Das ist eine Grundhaltung von mir: Probiert’s doch mal!

Standard: Und? Was wird probiert?

Schlingensief: Was wir jetzt in Wien machen werden, ist eine Weltausstellung der Freiheit, denn die größte Freiheit für den Betrachter ist die Erkenntnis der eigenen Unfreiheit. Der Irrtum sowohl der Politik wie auch der Widerstandsbewegungen ist ja immer, dass man unbedingt und unablässig etwas zu bewirken vermeint. Es gibt da diesen Film von Bunuel, Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz: Da wünscht sich dieser kleine Junge, dass seine Kinderfrau tot ist. In dem Moment bricht draußen auf der Straße die Revolution aus. Die Eltern können nicht mehr, wie geplant, ins Theater gehen. Das Theater findet im Kopf statt. Und der Wunsch des Theaters, etwas zu erreichen, das man im wirklichen Leben nicht erreicht, findet praktisch in dem kleinen Jungen statt. Was passiert? Die Kinderfrau, im Revolutionsgetümmel von einer Kugel getroffen, stirbt. Und der Junge weiß nicht, ob das durch seinen Wunsch geschehen ist. Der „Täter“ ist sprachlos und betrachtet sich selbst.

Standard: Sie kommen jetzt gerade in einer Situation nach Österreich, die Luc Bondy mit einem beginnenden Dornröschenschlaf verglichen hat. Was kann man diesen „Normalisierungstendenzen“ (Bondy) entgegensetzen?

Schlingensief: Ich habe schon zu Beginn dieser Demonstrationen einmal in einem Interview gesagt: Die Leute sollen nicht der Täuschung erliegen, dass sie in sechs Monaten immer noch marschieren werden. Eine Gesellschaft wie die vom Herrn Schüssel, die feiern will, lässt sich nicht stören. Aber ich glaube an die Selbstzerstörungstäter und -tendenzen im Umfeld von Schüssel. Ich glaube als Francis-Bacon-Fan an Schüssels verzerrtes Gesicht. Ich glaube daran, dass das Zerfallsprodukt Schüssel keine besonders lange Halbwertszeit hat. Der schlimmste Moment muss für den eigentlich längst eingetreten sein: Ich hab’s doch geschafft, ich bin doch jetzt Bundeskanzler. Warum spricht jetzt keiner mit mir?

 

Standard: Woraus schließen Sie das?

 

Schlingensief: Er hat so ein Bedürfnis danach! Bondy hat ihn gerade getroffen, in einem Restaurant. Da saß Schüssel am Tisch gegenüber und Bondy hat ihm eine kleine schriftliche Nachricht übermittelt: „Ich würde Ihnen empfehlen, selber wieder Kraft zu schöpfen, sich also von der FPÖ zu trennen.“ Da kam dann ein Bodyguard herüber und sagte zu Bondy: „Herr Schüssel würde Sie gerne sprechen.“ Und dann haben sie eine Dreiviertelstunde über die Koalition geredet, über Europa, über den Blick und den Gegenblick, und so weiter. Schüssel hat echt ein Bedürfnis, darüber zu sprechen. Wie bei Archibaldo de la Cruz, der immer wieder beim Staatsanwalt auftaucht und sagt: „Ich glaube, ich war der Täter. Alles deutet darauf hin, dass ich es nicht war, aber tief in mir wohnt ein Täter.“

Standard: Warum personalisieren Sie bei Ihren Attacken eigentlich immer? „Tötet Helmut Kohl!“ „Tötet Schüssel!“ „Hitler muss man kaputt reden!“ Verstellt das nicht den Blick auf größere Systeme? Oder sind das theatralisch-dramatische Gegnerschaften?

 

Schlingensief: Alles ist permanent eine Frage der Hauptrolle. Wenn man eine Oper sieht, und der Chor wird als Volk umgebracht, dann sind das anonyme Wesen. Die Chorsänger können zwar ihre Verwandten in die Vorstellung einladen, und die sagen: „Guck’ mal da, der Peter ist jetzt auch ermordet worden und vorher hat er noch so schön gesungen.“ Aber der Nachbar weiß schon nicht mehr, dass der Peter starb. Die Personalisierung und das Zuschreiben von Hauptrollen ist also schon gefragt. Es ist ja auch so, dass da einer den Chef abgibt, und das hat er auch so gewollt. Das ist ja auch der Fall, wenn die Leute sagen: Oh, der Schlingensief ist in Berlin nicht mehr der Chef. Also geht er nach Österreich. Obwohl ich weder in Berlin noch hier Chef sein will. Es geht mir um Spannungsfelder. Und rund um einen Bundeskanzler sind die halt besonders groß.

Standard: Haben Sie mit dem großen internationalen Echo auf die Wiener Aktion gerechnet?

 

Schlingensief: Die Sache hier sprengt plötzlich jede erwartbare Dimension. Auf einmal sind alle alarmiert. Der Spiegel ruft an, ohne jede Vorinformation, man habe nur irgendwas gelesen, unglaublich! Und ob das stimmt, dass das stattfindet. Die FAZ und die Süddeutsche Zeitung streiten herum wegen irgendwelcher Anrechte auf tägliche Berichterstattung. Ich fand das natürlich schön. Ich war ja jetzt sehr still in Berlin, ganze fünf Monate lang, und ich hab dort auch kein Spannungsfeld mehr.

Standard: Warum?

 

Schlingensief: Die Stadt ist derzeit so tot und ausgebrannt. Für mich hat Berlin theatermäßig überhaupt keine Kraft mehr. Peymann ist abgeballert. Bei dem sitzen im Berliner Ensemble nur mehr die Zahnärzte drin: völlig uninteressant! Castorfs Volksbühne macht auf Museum, kriegt auch noch Preise dafür, agiert aber konzeptlos: als Unterhaltungsbunker für Berlin, in dem sich die Touristen amüsieren.

Standard: Und die Schaubühne?

 

Schlingensief: Ziemlich eingebrochen. So mit dem Anspruch, wir machen jetzt mal politisches Theater neu. Aber es interessiert am Ku’damm leider keinen, ob sich da jetzt plötzlich wer für Minderheiten engagiert. Und es sieht halt auch abscheulich aus, wenn ausgebildete Schauspieler Heroinabhängige spielen. Thomas Ostermaier hat früher so supergutes, sportives Unterhaltungstheater geliefert, wo man kämpfte, und dann gab’s auch Bösewichte, wie in einer flotten Computerspielkonsole - und so hat er viele junge Leute auf seine Seite gekriegt, die daran Spaß hatten.

 

Jetzt ist er aber plötzlich Chef von so einer Anlage, bei der er „Anspruch“ formulieren muss. Und der Anspruch in seinem Kopf lautet leider: Ich komm aus dem Osten und kämpfe jetzt im bösen Westen. Ostermaier ist ja nett und lieb, aber er denkt gerade ein bisschen verquer, und deshalb hat das auch nicht so funktioniert, wie’s funktionieren hätte können.

 

Standard: Warum sind Sie zuletzt nicht selbst mit größeren Projekten aufgetreten?

 

Schlingensief: Nach der Partei Chance 2000 war ich letzten Endes tot - im Kopf und auch für die Öffentlichkeit. Ich war endgültig zum Politkaspar abgestempelt. Zwar bin ich nachher zum Beispiel nach Mazedonien gefahren, und dort ist auch einiges passiert, aber es hat wohl nicht zum Trend gepasst. In Deutschland sind jetzt ja alle am Neuen Markt. Wenn du da nicht mit irgendeinem Geheimnis an den Neuen Markt gehst, bist du uninteressant.

 

Standard: Wie definiert sich Ihrer Ansicht nach dieser „Neue Markt“?

 

Schlingensief: Als Börse. Als Schaumschlägerfabrik, in der man zum Beispiel vor die Leute tritt und sagt: Ich hab’ hier eine Schachtel oder sogar einen Container, und da dürfen Sie alle nicht reinschauen, aber es ist etwas unglaublich Wertvolles drin. Und dann sagen die Leute: Ja, wir glauben an Sie! Dann kriegt man 20 Millionen Dollar, macht eine Firma auf und geht dort in den Vorstand. Dann sagt man: Auweia, jetzt haben wir aber Schwierigkeiten. Da kriegt man noch einmal 20 Millionen Dollar. Und dann sagt man: Meine Idee hat sich nicht durchgesetzt! Man tritt als Vorstandsmitglied zurück und geht mit, sagen wir, zwei Millionen Dollar nach Hause. Das ist der Neue Markt.

 

Die Schaubühne geht zum Beispiel mit der Info „Wir machen politisches Theater“ an den Neuen Markt. Da hat aber Gott sei Dank kürzlich Rainald Goetz gesagt: „Moment mal, bei Chance 2000 ist doch die Messlatte für politisches Theater recht hoch gelegt worden. Was macht ihr denn hier?“ Na, und dann kommt plötzlich Helmut Kohl mit seinem Geldkoffer, und da wurde ich für die Szene wohl langsam wieder seriös, weil ich doch nicht so falsch lag. Weil scheinbar doch Kohl unseriös war.

Standard: Luc Bondy hat Sie vor einem Monat aber in einem Gespräch mit der Libération immer noch als einen „Politclown“ bezeichnet.

 

Schlingensief: Ach ja?!

Standard: Zumindest steht’s so geschrieben. Wie gehen Sie damit um, dass es, demnächst auch bei den Salzburger Festspielen, so ist, dass man Sie offenbar gerne als „schrägen“ Pausenkobold fürs sonst so ernsthafte Programm engagiert - später vielleicht in Bayreuth?

 

Schlingensief: Sie werden lachen, aber von dort habe ich schon ein Angebot! Und was soll ich anderes sagen als: Wenn ich ein Bein ab hab’, dann hab’ ich ein Bein ab. Das wächst nicht nach. Dagegen zu kämpfen habe ich oft versucht, aber ich verweise da dann letztlich immer auf meine Vergangenheit beim Film: Dass ich bei Werner Nekes Avantegardekino gelernt und erfahren habe. Und dass ich selbst erfahren habe, dass ich nicht imstande bin, Geschichten ganz normal zu erzählen. Der Kampf dagegen - permanent zu erklären, dass das aber auch Spielfilme sind und als solche „ganz normal“ -, dieser Kampf hat nichts gebracht.

 

Erst als ich mich zum Fehler und zum Unvermögen bekannte, hat man mich engagiert. Der Reiz für die Intendanten liegt ja auch darin, dass ich nicht mit Widerstand drohe, wenn man mich nicht ernst nimmt. „Politclown“! Na gut. Ich werde Bondy fragen, warum er seine Meinung jetzt geändert hat. Er sagte zu mir gestern: „Von dem Projekt lerne ich was. Das hätte ich vorher nicht gedacht.“ Ich bin nämlich kein Kaspar, und ich verachte Kaspars wie den Stefan Raab, der immer nur Gegenüber konstruiert, um sich mit ihnen zu einigen.

 

Standard: Und bei Ihnen geht es um Aufrechterhaltung der Gegensätze?

 

Schlingensief: Zum Beispiel. Und um Überlebenstrategien. Und auch um Strategien, wie man die Muster des Neuen Markts selbst möglichst unbeschädigt übersteht. Der Rummel rund um die Partei Chance 2000 hat für mich ja auch vieles kaputt gemacht. Der ganze Eventcharakter von Aktionen wie dem Massenbad im Wolfgangsee! Wie man mich plötzlich zum Popstar stilisierte! Alles war so voll, dass es mich als Person eigentlich nicht mehr gab. Es gab eigentlich nur noch Gerüchte. Und Veranstaltungen, wo es hieß: Schlingensief ist da! Aber ich war woanders.

Standard: Entsteht da nicht immer wieder Sehnsucht nach der Filmarbeit?

 

Schlingensief: Klar doch. Aber dort stehe ich hinter der Kamera oder sitze am Schneidetisch. Und ich stelle Zusammenhänge her oder kann sie bewusst vermeiden. Ich probiere aus. Meine frühen Super-8-Filme habe ich zum Beispiel immer wieder gerne auf einen Fernseher projiziert, bei dem nur der Ton lief - und die Filme haben sich durch den Ton bzw. durch gewisse Zufälligkeiten verändert: Das ist eine Untersuchung, die für mich nie zu einem Ende kommen wird. Daran arbeite ich immer weiter.

 

Mir fehlen zehn Minuten - das ist so ein Filmstoff, an dem ich gerade schreibe: Ein Mann geht zu früh aus dem Kino, und in dieser kurzen Zeitspanne verändert sich sein Leben. Auch mir fehlen gewissermaßen zehn Minuten. Nie habe ich genug Information, aber mein Glück ist: Ich weiß das, im Gegensatz zu vielen Journalisten etwa, die so weltmeisterlich jede Sache aus jeder Perspektive beschreiben und kommentieren können. Heute: „Hü!“ Morgen: „Hott!“ Die haben überhaupt keinen inneren Bezugspunkt, keinen Anker mehr. Die zehn Minuten hingegen, die mir fehlen - das ist das Kapital, das ich habe. Deshalb meine Untersuchungen über Oberflächen und über das Verhalten von Oberflächen und über den Betrachter, der sich selbst betrachtet. Manchmal kann ich da etwas verfeinern. Manchmal nicht. Immerhin gibt es den schönen Satz: „Ich bin viel leicht nicht gut. Aber ich bin wenigstens da.“

Standard: Sie streben also auch im Theater zunehmend filmische Präzision an?

 

Schlingensief: Zumindest finde ich es ganz angenehm, wenn ich - wie zuletzt in Graz im Rahmen eines Schnitzlerabends - einmal fünf Tage an einer halben Stunde „schneiden“ kann. Wenn ich demnächst in Zürich für Christoph Marthaler den Hamlet inszeniere und ihn auch spiele, dann habe ich erstmals reguläre Probenbedingungen! An der Volksbühne war das zuletzt überhaupt nicht der Fall: Schlingensief - der Restpostenladen. Für eine Inszenierung im kommenden Herbst hätte man mir 50.000 Mark gegeben - für Regie, Bühnenbild, Kostüme, alles inklusive. Dabei habe ich das Haus immer bis unters Dach gefüllt. Das macht einen schon traurig. Obwohl: Jetzt bieten sie mir für nächstes Jahr, nach Marthaler, eine Rie senkiste an. Das ist schon komisch.

Standard: Und wann soll dann der neue Film gedreht werden?

 

Schlingensief: Das Problem ist: Ich bräuchte dafür gerade mal eine Million Mark. Und die Filmstiftung sagt zu mir: „Herr Schlingensief, Sie haben letztes Mal für Die 120 Tage von Bottrop (der in die Sammlung des Museum of Modern Art eingekauft wurde!) Geld bekommen und uns dabei versprochen, nie wieder um eine Finanzierung ansuchen zu wollen.“

Standard: Zurück zum Wiener Container - und damit vielleicht auch zum „Neuen Markt“: Da die „Schachteln“ vor der Staatsoper bis auf einen Info-Pavillon nur durch Bretterzäune, also sehr limitiert einsehbar sind und das „Publikum“ mit Videoprojektionen sein Auslangen finden muss, stellt sich die Frage: Geschieht in den Containern, aus denen täglich Ausländer abgeschoben werden, tatsächlich etwas live? Könnte man hier nicht mit Simulationen und Filmaufzeichnungen arbeiten?

 

Schlingensief: Tatsächlich war das meine ursprüngliche Idee: Mehr oder weniger ein mehrtägiges, nein, siebenwöchiges Filmszenario vorab zu drehen. Und diesen Film mit den Konflikten der Insassen, Vergiftungen, Zusammenbrüchen, etc. vor und in dem Container, den man dann in jedem beliebigen Museum aufstellen hätte können, abzuspielen. Das wäre dann gewissermaßen eine Art von Installation geworden. Darüber, dass auch ich mich in einem Bunker befinde. Ich glaube nicht an das Jahr 2000. Ich glaube nicht an die Expo. Das ist jetzt mein Bunker-Zustand. Es ist keine Verpuppung, aber irgendwo innendrin in diesem Bunker sind die Bilder am Arbeiten, und da fühle ich mich am wohlsten.

 

Standard: Was ist nun in Wien Ihre Funktion als Regisseur und Mitspielender?

 

Schlingensief: Sagen wir’s mal so: Ich bin ein kleiner John de Mol: Ihr könnt mir Asylanten zukommen lassen und ich werde sie für Euch - nach Eurer telefonischen Abstimmung - abschieben. Obwohl ich nicht sicher bin, ob nicht Endemol mein einstiges Theater-Hotel Prora kopiert hat. Und die Zurückgebliebenen (im Container) werde ich wie der RTL2-Moderator Percy Hoven aufmuntern. Mehr kann ich nicht ausdrücken. Ich bin also in verschiedenen Rollen permanent anwesend.

Standard: Und was würde Ihnen dabei als ideales dramatisches Ergebnis vorschweben?

 

Schlingensief: Ich würde in all diesen Tagen gerne eine Stunde finden, in der es keine Bedenken gibt. Eine Stunde ohne Bedenken, in der man Dinge einfach realisiert, und das tatsächlich unter Verwendung von Steuergeldern. Und jetzt schon werde ich mit unglaublichen Momenten beschenkt: Mit dem Stadtrat Marboe etwa, wie er mich umarmt: „Schön dass Sie da sind! Wir brauchen Sie hier! Ich bin der Einzige, der gegen die Koalition gestimmt hat! Ein großer Verehrer Ihrer Kunst.“ Und ein paar Tage später sagt er: „Das ist keine Kunst, sondern eine Aktion.“ Das ist eine Situation, wenn man sie mir aufschreiben würde, ich würde sie nicht für möglich halten!