Tanz: Zwischen Orakelnacht und Liebesgeflüster

27. Juni 2006, 11:22
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Eröffnung zweier Festivals in St. Pölten und Salzburg

St. Pölten/Salzburg - Mut zur Fantasie zeigte Michael Birkmeyer, Leiter des Festspielhauses St. Pölten, bei der Eröffnung des Festivals "Österreich tanzt". Die eigene abc- dancecompany wurde vor die Tür gesetzt, doch meinte er: "Das Festspielhaus ist das Tanzhaus in Österreich." Nach der Saison 2005/06 (mit sieben Gastspielabenden) nun für fünf Tage ein kleines Festival zu beherbergen, reicht nicht wirklich aus, diese Behauptung zu begründen.

Das Tanzquartier Wien etwa ist ihm da voraus - es präsentiert die ganze Saison über Tanz. Doch vielleicht hat sich der Intendant durch das von Bernd R. Bienert umsichtig kuratierte "Österreich tanzt"-Programm inspirieren lassen - dieses begann mit der Performance oracle night von Sabina Holzer, Jack Hauser und Karlheinz Essl, einer einfach aussehenden, aber raffinierten Geschichte um die Begegnung zweier Männer und einer Frau. Dass daraufhin Barbara Rett mit Tänzer Christian Rovny ein Duett tanzte, wirkte ein wenig wie eine Persiflage dieser Story.

Andrea Amort ist das Projekt Hanna Berger: Retouchings zu verdanken, das fünf Stücke zusammenfasste, in denen sich Choreografen mit dem Material der von den Nazis verfolgten Tänzerin Berger beschäftigten. Dabei ist Rose Breuss mit Versuche aus der Enge (für die talentierte Anna Nowak) ein überzeugendes Statement gelungen.

Wenig überzeugend wirkte das Podium einer Publikumsdiskussion zu der Eröffnungsperformance des Festivals "Sommerszene 06", "Casino Salzburg" von Superamas. Unter dem Titel Speaking Sex wurde im Künstlerhaus über Superamas aus feministischer Sicht reflektiert. Die gute Absicht erzeugte seltsame Bekenntnisse. Die Künstlerin Meike Schmidt-Gleim wies darauf hin, dass Sexualität immer schon ein Hindernis für weibliche Forderungen gewesen sei. Und Performerin Elke Krystufek meinte, sie wäre im Glauben gekommen, dass das Männerkollektiv Superamas eine Frauengruppe sei. Nun fühle sie sich hier fehl am Platz, der männliche Blick interessiere sie nicht.

Die Verramschung von Sexklischees und die Ausbeutung des weiblichen Körpers in der Spektakel-Gesellschaft sind Thema von Superamas. Die Gruppe veranstaltet ihre Stücke allerdings wie Tupperwarepartys im Palast der Popkultur. "Casino Salzburg" und die Superamas-Installation Sex in the City - derzeit zu sehen im Salzburger Künstlerhaus - verunsichern durch ihre Oberflächen-Ambivalenz.

Doch schon auf den zweiten Blick erscheinen die Männer auf den Fotos, in den Videos und in der Performance als menschenverachtende Brutalos oder überhebliche Versager. Der Zynismus der von Superamas verwendeten Bilder entspricht der Flexibilität des Sex-'n'-Crime-Entertainments. In diesem Diskurs ist dem männlichen Blick eine gewisse Sehschärfe nicht abzusprechen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.6.2006)

Von Helmut Ploebst
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