Alte Schweden und englische Primeln

22. Juni 2006, 10:52
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Deutschland vs. England wurde abgewendet, Schweden ist dran, Ne­bensache für die Fans, sie nehmen die Partys, wo sie hinkommen

Der dritte Sieg der Deutschen wenige Stunden zuvor hat Vieles leichter gemacht. Nach der Demonstration der Überlegenheit auf dem Rasen war die Demonstration der Überlegenheit auf der Straße gar nicht mehr notwendig.

Gegen den schwarz-rot-goldenen Glückstaumel hatte der Einpeitscher in der Kölner Innenstadt mit seinem "Inselaffen, Inselaffen"-Gekreische keine Chance. Die gut abgefüllten Engländer hätten sich nicht einmal provozieren lassen, wenn sie verstanden hätten, was da gebrüllt wurde. Die nicht minder befüllten Schweden haben vielleicht verstanden, fühlten sich aber natürlich nicht betroffen.

So brachte der kleine Tribun mit hochrotem Kopf nur rund 45 Gleichbesinnungslose so weit, dass die Polizei einschreiten musste. Ein paar Verhaftungen, eine durch gut 100.000 Fans zugemüllte und leer getrunkene Stadt, überall volle Kassen - die WM hat mit Schweden gegen England das nächste, als kritisch erachtete Spiel tadellos abgewickelt. Und dass der englisch-deutsche Gipfel am Samstagabend zu München durch das 2:2 im Rhein-Energie-Stadion vorerst abgewendet wurde, dürfte die bayerischen Sicherheitskräfte gefreut haben. Schweden sind einfacher zu handeln. Ob das für deren Kicker auch gilt, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Nach den besten 45 Minuten ihrer World-Cup-Campagne sind die "Three Lions"nämlich eingegangen wie die Primeln. David Beckham und Kollegen, vom Daily Starvor dem Match noch mit einem kühn verballhornten Nelson'schen "England Exbecks!"angespornt, dürften körperlich nicht ganz auf der Höhe sein. Vielleicht war's die Nacht im Kölner Hilton. Da haben auch schon die Portugiesen wegen lärmender Fans schlecht geschlafen.

Owen schwer verletzt

Auch die Verletzung von Michael Owen könnte sich mit Verzögerung lähmend ausgewirkt haben. "Owen the Cologne"(wieder der Daily Star) kann nach seinem hässlich aussehenden Missgeschick mit dem ausgedrehten Knie nicht mehr spielen, fliegt nach Hause. Die ärgsten Befürchtungen bestätigten sich, er hat einen Kreuzbandriss erlitten. Neben Wayne Rooney, dem bei Fans beliebtesten Spieler, der aber noch seiner tormäßigen Detonation harrt, bleiben Sven-Göran Eriksson nur Jüngling Theo Walcott und Peter Crouch, der auch deshalb so beliebt ist, weil er, wenn die Kicker gut abgeschirmt zum Bus sprinten, als Einziger nicht zu übersehen ist.

Das nächste Problem

Eriksson, der nur noch relativ wenig zu sagen haben soll - nach der WM lässt sich sein bisheriger Assistent Steve McLaren von den Stars bevormunden -, sagte immerhin, dass ihm die Offensive weniger Sorgen als die Defensive bereite. "Am Abwehrverhalten müssen wir vor dem nächsten Spiel gegen Ecuador noch arbeiten."

Die Defensive der Schweden ist es, die ihrem kommenden Gegner Sorgen bereitet. Als man sich zu weniger großzügiger Deckung der Engländer entschloss, hatten sich die Probleme für die nun schon seit zwölf Spielen ungeschlagene Truppe von Lars Lagerbäck erledigt. Offensiv hat es nach der Pause auch ohne Zlatan Ibrahimovic geklappt. Der Juve-Star hat sein Adduktoren-Wehweh überwunden und dürfte gegen Deutschland wieder statt Marcus Allbäck stürmen, obwohl der gegen England das 2000. WM-Tor der Geschichte (Treffer zum 1:1) erzielt hat. "Es wird großartig sein, wenn wir die Deutschen in München aus dem Turnier werfen", sagte Mattias Jonson. Frederik Ljungberg stimmt zu: "Das wird klasse."

Eriksson will die Daumen drücken. "Werft die Deutschen raus, dann sehen wir uns vielleicht im Finale wieder", sagte er zu Kollege Lagerbäck, obwohl der Erikssons Jahressalär von angeblich 7,5 Millionen Euro in einem Interview als überaus obszön bezeichnet hatte. Das hat zwischen den beiden alten Schweden aber zu keiner Verstimmung geführt.

Englands Fans waren wohl auch nicht neidisch, weil sie sich selbst allerhand gegönnt haben. Stuttgart ist die nächste schöne Stadt, und so zog die Karawane zum Spiel am Sonntag weiter. Ob tags zuvor Deutschland vorsorglich deeskalierend zum vierten Mal siegt, wird sich zeigen. (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 22 Juni 2006)

Sigi Lützow aus Köln
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    Wayne Rooney, das Idol der Engländer, schaut in Köln von einer Leinwand auf tausende Landsleute hinunter. Und die Landsleute schauen hinauf.

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