Bush und die verzweifelten Hausfrauen

22. Juni 2006, 15:55
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Berichte, Kommentare und tiefsinnige Analysen: Der EU-USA-Gipfel macht Schlagzeilen

Am späten Mittwochnachmittag war es dann so weit: Der EU-USA Gipfel schaffte in den US-amerikanischen Medien den Durchbruch. Bundespräsident Heinz Fischers Konterfei taucht plötzlich neben dem von George W._Bush auf der Titelseite der Internetausgabe der New York Times auf. Von der Chicago Tribune über CNN bis hin zum San Francisco Chronicle: Online berichteten die meisten TV-Stationen und Zeitungen über den Gipfel.

Freilich fanden sich dabei viele idente (weil von den Nachrichtenagenturen stammende) Geschichten wieder. Und manchmal erreichten die Beiträge kaum die Länge lokaler Sportnachrichten. Auch das Fischer/Bush-Foto verschwand nach einer guten Stunde wieder. Aber ignoriert, wie in den vergangenen Tagen, wurde das Gipfeltreffen in Wien jenseits des Atlantiks nicht mehr. Und lesen konnte man sogar einige (mehr oder weniger) profunde Beiträge zum österreichisch-amerikanischen Verhältnis. So etwa in der Chicago Tribune, wo die Abneigung der Österrei-cher gegenüber der US-Au-ßenpolitik und ihre Vor-liebe für amerikanische Kulturprodukte analysiert wurden. "Wenn die Proteste gegen George W. Bush vorbei sind, werden viele der Demonstranten nach Hause eilen, um 'Desperate Housewives' und 'CSI-Miami' schauen zu können", konstatierte die Tribune-Autorin. Das Verhältnis sei eben "komplex und ambivalent": Die Menschen sagten Ja zur Kultur, aber Nein zu Bush. Die Proteste gegen den US-Präsidenten, die Meinungsverschiedenheiten zwischen der EU und den USA über Guantánamo und der Iran dominierten die Schlagzeilen in den europäischen Medien. Unterschiedlich wurde dabei die Bedeutung des Gipfels bewertet.

„Gerade in Wien wird nicht erwartet, dass der österreichische Kanzler und derzeitige EU-Ratsvorsitzende allzu hart mit Bush ins Gericht gehen wird. Wolfgang Schüssel befindet sich im österreichischen Vorwahlkampf, von einem Treffen mit Bush dürfte er also eher schöne Fotos für den Wahlkampf erwarten als kritische Worte für die US-Außenpolitik“, heißt es in der Stuttgarter Zeitung.

Das Treffen in Wien sei durchaus sinnvoll, schreibt dagegen die Frankfurter Allgemeine: „Offenbar gilt die Fortführung des Dialogs an sich schon als Gewinn. Das ist möglicherweise gar nicht so falsch, man braucht nur die politischen Kosten zusammenzuzählen, die der ... Zusammenbruch des atlantischen Dialogs während der ersten Regierung Bush hatte, um zu erkennen, warum“.

Nicht nur heiße Luft

Der europäisch-amerikanische Gipfel und Bushs Teilnahme besiegele die wiedergefundene Solidarität zwischen Europa und Amerika, wird das Treffen auch in der römischen Il Foglio gelobt. Die französische Le Monde ortet dagegen einen dauerhaften Schatten über den transatlantischen _Beziehungen: „Die US-Regierung soll sich nicht täuschen. Die Frage, was mit Guantánamo geschehen soll, und alle Exzesse im Krieg gegen den Terror haben die öffentliche Meinung auf dieser Seite des Atlantiks so sehr geprägt, dass sie bei amerikanisch-europä-ischen diplomatischen Treffen niemals fehlen werden.“ Bush wird in einigen der Zeitungskommentare – ungeachtet der Kritik an seiner Irak-Politik und an Guantánamo – sogar ausdrücklich für sein Engagement gegenüber den europäischen Partnern _gelobt. In seiner zweiten Amtszeit sei bei Bush „eine größere Sensibilität“ gegenüber der Bedeutung der EU zu spüren, heißt es in der Madrider ABC. Die tschechische Tageszeitung Lidové noviny schreibt, der Gipfel sollte ursprünglich nur zu einem weiteren Treffen werden, auf dem die Atmosphäre wichtiger als der Inhalt sei. Nun sehe es aber so aus, dass es eine scharfe Debatte und vielleicht auch Ergebnisse geben werde. (szi, DER STANDARD, Print, 22.6.2006)

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