Kopf des Tages: Zynischer Machtmensch muss vor Gericht

22. Juni 2006, 11:53
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Rebellenführer, Ex-Präsident, mutmaßlicher Kriegsverbrecher: Charles Taylor

Der Nimbus, Charles Taylor verfüge über angeblich übernatürliche Kräfte, dürfte endgültig gebrochen sein. Der brutale Ex-Kriegsfürst, der es in Liberia bis zum Präsidenten brachte, sitzt seit Dienstag sicher in jenem Gefängnis nahe Den Haag, in dem auch die Angeklagten des UNO-Kriegsverbrechertribunals für Ex-Jugoslawien und des Internationalen Strafgerichtshofs inhaftiert sind. Nun wird sich der fanatisch religiöse Baptist wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor einem Sondertribunal für Sierra Leone verantworten müssen.

Der 58-Jährige gilt als einer der Hauptverantwortlichen für die grausamen Bürgerkriege in Liberia und Sierra Leone, bei denen mehr als 200.000 Menschen starben und über eine Million vertrieben wurde.

Die blutige Karriere des im Januar 1948 in der liberianischen Hauptstadt Monrovia geborenen Taylor begann nach einem Wirtschaftsstudium in den USA. Nach seinem Abschluss 1977 am renommierten Bentley College in Waltham, Massachusetts, bekam er unter dem Präsidenten William Tolbert zunächst einen Regierungsposten, anschließend auch unter Samuel Kanyon Doe, der sich im April 1980 an die Macht putschte. Schnell handelte sich Taylor den Spitznamen "Sekundenkleber" ein, weil an seinen Fingern angeblich jede Banknote kleben blieb. Nach dem Vorwurf, Geld veruntreut zu haben, musste Taylor in die USA, wo er aufgrund eines internationalen Haftbefehls festgenommen wurde. Monate später entkam er durch ein aufgesägtes Gitterfenster.

Am Weihnachtsabend 1989 fiel er mit 150 bewaffneten Männern von der Elfenbeinküste in Liberia ein: der Beginn des Bürgerkrieges. Die Gewaltexzesse, die folgten, hat der Rebellenchef zumindest toleriert. Bis 1997 brauchte der bekennende Baptist, um sich die Macht in Liberia endgültig zu sichern: Dann wählten ihn seine Landsleute wohl eher aus Angst denn aus Begeisterung mit großer Mehrheit zum Präsidenten. Berühmt wurde sein zynischer Wahlslogan: "Er tötete meine Mutter, er tötete meinen Vater, ich werde ihn wählen!"

Aufgrund massiven Drucks aus dem Ausland musste Taylor im August 2003 zurücktreten. Nigeria gewährte dem Vater von acht Kindern zunächst Asyl. Als im März 2006 klar wurde, dass er ausgeliefert werde, versuchte er zu fliehen – wurde aber kurze Zeit später an der Grenze zu Kamerun festgenommen. Zum Verhängnis war ihm ein Koffer voller Dollarscheine geworden.

Wie stark sein Einfluss in der Region immer noch ist, zeigt gerade die Tatsache, dass er nicht in Sierra Leone, sondern in Den Haag vor Gericht stehen wird: Viele hatten befürchtet, er könne in Westafrika noch von der Gefängniszelle aus die Region in ein weiteres Chaos stürzen. (DER STANDARD, Print, 22.6.2006)

Julia Raabe
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    Charles Taylor

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