Was ist heute nicht alles "aktuell" ...

28. Juni 2006, 13:47
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Bestsellerautor Daniel Kehlmann zu Gast in der STANDARD/Ö1-Reihe "Zeitgenossen im Gespräch": Gesprächsauszüge

... aus der am Donnerstag, 22.6., um 21.03 Uhr auf Ö1 ausgestrahlten Sendung mit Michael Kerbler und Claus Philipp.


Q: Wenn Sie einen Titel finden müssten für die jüngste Diskussion rund um Peter Handke – was fiele Ihnen da ein?

Daniel Kehlmann: Wahrscheinlich Das Erwartbare. Wenn da dezidiert ein Preis für politische Aktivitäten und Einlassungen eines Schriftstellers vergeben wird, provoziert das natürlich den Pro- und Contra-Reflex in den Medien. Letztlich hätte dieser Reflex auch gereicht, aber dann kam der nächste Schritt der Farce, dass die Politik die Juryentscheidung wieder aufheben wollte. Letztlich ist das alles voraussehbar und im Grunde langweilig. Es erfüllt wohl für Feuilletonleser einen Grundwunsch nach ständig sich ereignenden mittelschlimmen Skandalen. Die Frage ist nur: Wer will so einen Skandal heute noch auslösen?

Q: Es ist auffällig, dass eine jüngere Generation von Schriftstellern, der auch Sie angehören, kaum noch an derartigen Debatten teilnimmt. Warum?

Kehlmann: Ist das denn so ein dringendes Anliegen für einen Schriftsteller, Richtungsdebatten zu liefern? Ich denke, das wesentliche Anliegen für einen Schriftsteller sollte sein, gute Bücher zu schreiben. Es war eine ganz problematische Fehlentwicklung auch der deutschen Literatur der Nachkriegszeit, dass man ständig erwartet hat, dass Schriftsteller Richtungsdebatten führen.

Vor ein paar Jahren, beim letzten runden Max-Frisch- Geburtstag, gab es eine umfangreiche 3sat-Retrospektive, wo natürlich auch sehr viele Interviews gezeigt wurden. Ich bin ein großer Anhänger von Max Frisch, habe mich sehr darauf gefreut, hätte ihn gerne über das Problem der Identität sprechen gehört, das ihn ja so beschäftigt hat, oder darüber, wie er seine Romane konstruiert hat. Stattdessen ging es die ganze Zeit nur um aktuelle Tagespolitik, und Max Frisch, einer der größten Schriftsteller seiner Generation, hat darüber gesprochen auf einem Niveau, wie das viele seiner Zeitgenossen auch hätten tun können. Niemand hätte so kompetent über seine Romane und das Schreiben sprechen können wie Frisch. Er aber stand unter diesem Zwang, Richtungsdebatten vorzugeben.

Q: Was müsste passieren, damit Sie sich zu Wort melden?

Kehlmann: Das kann ich nicht so konkret beantworten. Ich habe in meinem Essayband einen Text über Voltaire publiziert, und in diesem Zusammenhang auch einiges zu dem gesagt, was man polemisch den "Kampf der Kulturen" nennt. Tatsächlich habe ich dann im Rahmen des Karikaturenstreits einige Anrufe bekommen von großen Zeitungen: Ich solle bitte genau das Gleiche mit anderen Worten aufschreiben, damit es "aktuell" ist. Das habe ich natürlich nicht gemacht.

Die Zeitungen konditionieren uns permanent darauf, dass es eine Aktualität gibt, die von allem, was vorher gewesen ist, abgehoben und entkoppelt ist. Aber sehr vieles von dem, was wir als Aktualität empfinden, ist als Problemstellung sehr alt und es gibt auch eine Menge Antworten darauf, die eben unter Umständen mehrere hundert Jahre alt sein können, weil – und das ist ja das Traurige daran – weil wir mit so vielen Dingen nicht fertig geworden sind.

Q: Ihre Haltung erinnert ein wenig an Bildungsoffensiven von Hans Magnus Enzensberger, der sich immer wieder für das Erbe der französischen Aufklärer und Enzyklopädisten rund um Diderot stark gemacht hat. Enzensberger hat zuletzt auch den "Kosmos" von Alexander Humboldt neu aufgelegt. Sie wiederum haben mit Ihrem Roman über Humboldt und Gauß mittlerweile rund eine halbe Million Exemplare verkauft.

Kehlmann: Wobei es keineswegs mein Wunsch war beim Schreiben der Vermessung der Welt an verdiente Geistesgrößen zu erinnern, das wäre ein schrecklicher Antrieb, um einen Roman zu schreiben. Mir ging es um das Experiment, ein Buch zu schreiben, das sich formal gibt wie ein historisches Sachbuch, aber eigentlich ein Roman ist, also um ein gewisses formales Spiel ...

Q: ... für das der Boden in Deutschland besser aufbereitet scheint als in Österreich, wo bis dato erst knapp 20.000 Exemplare über die Theke gingen.

Kehlmann: Ich denke, dem kann man nicht absolut widersprechen. Das Buch knüpft bei literarischen Traditionen an, die wenig zu tun haben mit den gängigen Bezugspunkten österreichischer Gegenwartsliteratur. Ich komme sehr stark von der russischen und vor allem der nord- und südamerikanischen Literatur, und noch dazu ist es eben ein Roman über zwei historische Norddeutsche. Dass das ein bisschen fremd in der literarischen Welt Österreichs steht, kann ich schon verstehen. Literarische Experimente im österreichischen Kontext sehen normalerweise anders aus. Aber das sind halt persönliche Entscheidungen, wo man als Schriftsteller anknüpft.

Q: War es dabei hilfreich, dass Ihr Vater Michael Kehlmann gewissermaßen als Filmemacher ein traditionelles österreichisches Erbe verwaltete – und Sie sich eigenes Terrain suchten? Thomas Bernhard lesen Sie auch nicht gern. Sind das nicht Grenzziehungen, um selbst freier schreiben zu können?

Kehlmann: All das, was Sie da erwähnen, hat sicher mitgespielt, aber nicht in Form einer bewussten Entscheidung. Harold Bloom hat einmal geschrieben, dass sich Schriftsteller, und gerade junge Schriftsteller, wesentlich stärker über die Abwehr als über das Annehmen von Einflüssen definieren. Jemand, der selbst versucht, sich literarisch auszudrücken, findet sich gerade am Anfang sehr stark umgeben von Dingen, die man so nicht machen will. Irgendwann muss man sich halt wieder zur Ordnung rufen, weil ja nicht alle Autoren, die für einen selbst nicht fruchtbar sind, schlecht sein müssen.

Q: Wenn wir hier von einer Schule des Lesens sprechen: Diverse Bildungs- und Pisa-Diskussionen sprechen von einer Verminderung der Lesefähigkeit.

Kehlmann: Die Verkaufszahlen, die mein Buch jetzt glücklicherweise erreicht hat, zeigen dann wohl, dass man es auch mit nicht ganz so hohen Hintergründen einigermaßen Gewinn bringend lesen kann – was mich eher überrascht hat. Die Frage wiederum: Wie bringt man junge Leute zu Büchern? – Natürlich beschleicht da einen, der Literatur liebt und davon lebt, dass Leute Bücher lesen, eine gewisse Besorgnis. Andererseits liegt die Lösung des Problems wohl weniger bei den Mittelschullehrern als etwa bei Autoren wie J. K. Rowling, die Millionen von Kindern das genüssliche und konzentrierte Lesen beibringt. Wenn sich von diesen Millionen Harry-Potter-Fans nur hunderttausend das Lesen angewöhnen, dann ist mehr geleistet als eine ganze Konferenz von Bildungsministern in die Wege leiten könnte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.6.2006)

  • Daniel Kehlmann, geboren
1975 in München, veröffentlichte bereits sieben
Bücher – darunter fünf Romane. Im Zentrum seiner
Prosa, deren eleganter Stil
wie seine Konstruktion eines temporeichen Plots die
amerikanischen Vorbilder
erahnen lassen, stehen vielfach Menschen, denen ein
ungewöhnlicher Blick auf
die Realität dieser Welt eignet: Etwa der Zauberkünstler Beerholm in seinem ersten, 1997 erschienen Roman "Beerholms Vorstellung"
– der die Kunst des Zauberns durchaus als Experiment mit den Gesetzen der
 
Physik begreift. Eine Fragestellung, die David Mahler,
der Protagonist seines zweiten Romans "Mahlers Zeit"
(1999), ein junger Physiker,
weiterführt. Gewissermaßen die Gegenperspektive,
den Blick der Einfalt auf das
Außergewöhnliche, überspitzte er in seiner Kulturbetriebs-Satire "Ich und Kaminski" (2003). In seinen
Protagonisten von "Die Vermessung der Welt" (2005),
Alexander von Humboldt
und Carl Friedrich Gauß,
vereinen sich beide Ansätze auf sehr vergnügliche
Weise – was schon 500.000
Leser honorierten. (cia)
    foto: standard/newald

    Daniel Kehlmann, geboren 1975 in München, veröffentlichte bereits sieben Bücher – darunter fünf Romane. Im Zentrum seiner Prosa, deren eleganter Stil wie seine Konstruktion eines temporeichen Plots die amerikanischen Vorbilder erahnen lassen, stehen vielfach Menschen, denen ein ungewöhnlicher Blick auf die Realität dieser Welt eignet: Etwa der Zauberkünstler Beerholm in seinem ersten, 1997 erschienen Roman "Beerholms Vorstellung" – der die Kunst des Zauberns durchaus als Experiment mit den Gesetzen der Physik begreift. Eine Fragestellung, die David Mahler, der Protagonist seines zweiten Romans "Mahlers Zeit" (1999), ein junger Physiker, weiterführt. Gewissermaßen die Gegenperspektive, den Blick der Einfalt auf das Außergewöhnliche, überspitzte er in seiner Kulturbetriebs-Satire "Ich und Kaminski" (2003). In seinen Protagonisten von "Die Vermessung der Welt" (2005), Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß, vereinen sich beide Ansätze auf sehr vergnügliche Weise – was schon 500.000 Leser honorierten. (cia)

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