Gerichtsgeschichte: Zu Tode geschüttelt

23. Juni 2006, 11:19
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Iris-Maria ist knapp vor ihrem ersten Geburtstag gestorben - Zwei Drittel ihrer Lebenszeit verstrichen im Koma

Wien – "Sorgepflichten haben Sie jetzt keine mehr?" fragt die Richterin. Nein, deren hat sich der 21-jährige Angeklagte entledigt. Seine Tochter Iris-Maria ist knapp vor ihrem ersten Geburtstag gestorben. Zwei Drittel ihrer Lebenszeit verstrichen im Koma in einer Spezialklinik. Aber das Mädchen war nicht mehr zu retten. Es erlag den schweren Verletzungen, die ihm der Vater in den ersten Monaten zugefügt hatte.

Iris-Maria war zwar kein Wunschkind. "Aber ich war von Anfang an Feuer und Flamme", sagt Stefan. Barbara, die junge Mutter, litt an einem Borderline-Syndrom. So lag die Babybetreuung oft in den Händen des jugendlichen Vaters.

"Sagen Sie, was Sie meinen, dass Sie mit ihrer Tochter getan haben", fordert die Richterin. "Ich hab sie mit Absicht oder unabsichtlich verletzt", erwidert der Angeklagte. "Was hat Sie so wütend gemacht?" - "Dass ich sie nicht zur Ruhe bringen hab können, obwohl sie trocken und gefüttert war", sagt der Vater.

Laut Anklage soll er sie mit Fäusten geschlagen, heftig geschüttelt, aufs Sofa geworfen und gegen die Wand geschleudert haben. Letzteres streitet er ab. Auch habe er mit einem übers Kindesgesicht gelegten Kissen nur die Schreie ersticken, nicht der Tochter absichtlich die Luft rauben wollen, wie die Staatsanwältin behauptet. Doch er gibt zu: "Ich hab ein paar Mal fester zugepack", Iris-Maria einmal "einen Klaps auf die Windelhose" und ein paar Ohrfeigen gegeben. Wie fest? - "Richtig ausgeholt hab ich nicht, aber es war schon recht ordentlich", gesteht er.

Ende April hat er die Kleine wieder einmal nicht beruhigen können. "Ich hab sie auf den Schoß gesetzt und Hoppe, hoppe Reiter gespielt", zugegeben, recht heftig. "Da hat sie plötzlich die Augen verdreht und einen Herzstillstand gehabt", sagt er. Im Spital wies das drei Monate alte Baby Serienrippenbrüche, Hämatome und Hirnblutungen auf. Die Ärzte stellten schwerste, irreparable Gehirnschäden und eine Epilepsie fest, die von einem Schütteltrauma herrührten.

"Man müsste meinen, man hat es mit einem Monster zu tun", sagt der Anwalt über seinen Mandanten. Aber so sei es nicht. Als Zivildiener habe er gearbeitet, "um Menschen zu helfen", beteuert er. Nur daheim beim Baby, da habe er nicht weiter gewusst. "Mein Gehirn war ausgeschaltet", sagt er. Der Mordprozess geht nächste Woche weiter. (Daniel Glattauer, DER STANDARD - Printausgabe, 22. Juni 2006)

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