Das Bratislava-Shopping-Shuttle

23. Juni 2006, 11:11
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Dass Wien am Sonntag die Rollläden unten lasse, sagte K., störe ihn nicht. Im Gegenteil: Das sichere sein Geschäft

Es war am Wochenende. Da hat K., der Fahrer, sich nicht nur über George Bush empört, sondern auch eine kleine Geschichte über den Segen der heimischen Ladenschlusszeiten erzählt.

K. war – wie in „Limousinenservice“ nachzulesen ­ ja mein privater Chauffeur zwischen Wien und Bad Aussee. Und weil wir dann doch schon Sonntagmittag und nicht erst Sonntagabend wieder zurück waren, hatte er Zeit, sich bei „seinen“ Hotels zurückzumelden. Für die zweite Shoppingtour.

Zusperren hilft

Die Touren, erklärte uns K., während der Wirt von nebenan ziemlich fassungslos auf die Luxuslimousine glotzte, aus der wir herauskletterten, seien mittlerweile ein fixer Bestandteil seines Wochenplanes. Und wenn ihn irgendwer um seine Meinung zu den Ladenschlusszeiten in der Wiener City fragen würde (was aber ohnehin keiner tue), dann würde er alles tun („ja eventuell sogar demonstrieren“), um den status quo bei zu behalten. Zumindest in der Innenstadt und anderen Tourismuszonen.

Er selbst, so K., habe keine Einkaufssorgen. Zu keiner Zeit. Er wohne nicht ohne Grund Brunnenmarktviertel – und da wisse man meist ganz genau, wo man auch am Sonntag oder – wenn es sein müsse – um drei Uhr morgens zumindest Lebensmittel bekäme. Aber da Touristen in der Regel nicht gerade Milch und Gemüse suchen und die Fünfsternklientel kaum je nach klein Istanbul fände, sei sein Geschäft gesichert ­ und er und seine vier Fahrer könnten weiterhin Sonntag für Sonntag nach Bratislava zum Shopping fahren. Aber eben nur solange, wie in Wien alle Rollläden unten blieben.

Doppelt ausgelastet

An guten Sonntagen, erzählte K., fahre er die Route manchmal zweimal. Einmal in der Früh und einmal am späteren Nachmittag. Schließlich gäbe es gleich hinter der Grenze ja Geschäfte, die am Sonntag bis 22 Uhr offen hielten – und wenn er da Städtetouristen fahre, die am späteren Abend auch noch in Bratislava den Heimflug anträten, ginge sich der zweite Shoppingtrip locker aus.

Einkaufen, meinte K., könne man jenseits der Grenze nämlich längst ebenso gut wie in Wien. Auch im Luxussegment. Man müsse zwar mitunter ein bisserl Insiderwissen mitbringen und bei Sonderwünschen der Fahrgäste die eine oder andere Telefonnummer parat haben – aber im Prinzip sei das touristische Einkaufsvergnügen am Sonntag längst alles andere als Hexerei. Und wenn wir ihm nicht glaubten, sollten wir an der Rezeption eines beliebigen Fünfsternehauses in Wien nachfragen.

Als Unternehmer, sagt K., freue er sich natürlich über dieses Zusatzgeschäft. Und als ganz normaler Mensch beruhige ihn das offenkundige Desinteresse der Wiener (City-)Geschäftsleute: Er sei schließlich nicht der einzige Mietwagenunternehmer, der am Tag Gottes intensiv zwischen Wien und Bratislava pendle. Und es gäbe ja nicht nur die teuren Limousinenshuttles. Aber solange in Wien niemand über leichtfertig nach Osten verloren gehende Kaufkraft rede, glaube er auch kein anderes Jammerwort des Handels mehr.

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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