Wissenschafter als Schrebergärtner

27. Juni 2006, 18:26
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Wissenschafter wollen sich austauschen, auch von anderen Fach­richtungen - Aber so einfach, ist das im zentraleuropäischen Raum gar nicht

Wissenschafter wollen sich austauschen, Feedback von Kollegen bekommen - auch von anderen Fachrichtungen. Aber so einfach, wie man sich das vielleicht vorstellt, ist das im zentraleuropäischen Raum gar nicht. Die unterschiedlichen Fachsprachen und Eifersüchteleien sind Stolpersteine.

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"Wissenschaft", sagt Josef Penninger, Direktor des Wiener Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA), ganz gern, "findet heute in der Cafeteria statt" - einander treffen, austauschen, über eigene Arbeiten reflektieren, Gedanken und Ideen vielleicht gemeinsam weiterspinnen und möglicherweise zu einem Projekt führen. Doch so einfach, wie das am IMBA im Austausch mit dem benachbarten Institut für Molekulare Pathologie (IMP) abläuft, ist die Kommunikation über Instituts- oder Fachgrenzen hinaus nicht - zumindest was die Naturwissenschaften betrifft: Schon im 19. Jahrhundert begann eine weit reichende Spezialisierung.

Heute kennt man zahlreiche Fächer an den Universitäten, und die müssen sich mehr denn je im Wettbewerb untereinander behaupten - weshalb man den eigenen Wissensbereich natürlich eifersüchtig hütet. Und vernetztes Arbeiten nicht so gern gesehen wird. "Diesen Zwängen kann man sich nicht immer entziehen, so sehr man das auch vielleicht möchte", sagt Karl Fröschl, wissenschaftlicher Leiter des E-Commerce Competence Centers (EC 3) in Wien, etwa resignativ.

Netzwerkanalytiker Harald Katzmair, Leiter der sozialwissenschaftlichen Forschungsgesellschaft FAS.research, glaubt aber, dass hinter dieser "bündisch denkenden Wissenschaftskultur" ein bisschen mehr steckt als nur wirtschaftliche Notwendigkeit: "Die Schrebergartenmentalität", wie er es nennt, werde durch die Evaluierungspraxis in den Wissenschaften unterstützt. Physiker bewerten Physiker, Biologen bewerten Biologen - kaum jemand anderer wird in den erlauchten Wissenschafterkreis zugelassen.

Professorale Kultur

"Da heißt es dann schnell: Das ist keiner von uns, das ist kein Unsriger." Katzmair erkennt eine "professorale Kultur", in der manche Professoren an den Unis "einen Zoo von Schülern" um sich scharen und niemanden von außerhalb hineinlassen. Er sieht "eine Kultur der Tribalisierung", die natürlich auch durch unterschiedliche Modelle und Sprachen in den unterschiedlichen Disziplinen unterstützt werde. Deshalb sei es mitunter sehr aufwändig, einen gemeinsamen Nenner bei dennoch zustande kommenden grenzüberschreitenden Projekten zu finden.

Unis weit weg

Zur Anbahnung von Forschungsprojekten, die "über den Tellerrand hinausreichen", braucht es mehr als ein Telefon und einen E-Mail-Account, sagt Fröschl. Deswegen bedauert er persönlich, dass das EC 3 im Tech Gate auf der Wiener Donauplatte doch "relativ weit weg ist" von den Universitäten. Penninger, mit dem IMBA im Wiener 3. Bezirk in der Dr.-Bohr-Gasse, würde sich manchmal mehr direkten Kontakt zum AKH wünschen und erwähnt, dass in großen amerikanischen und kanadischen Städten Forschungszentren stark an großen Krankenhäusern angebunden sind.

"Es ist etwas anderes, wenn man sich manchmal über den Weg läuft. Da reicht eigentlich die Cafeteria gar nicht", sagt Fröschl. Als positives Beispiel einer "Forschungseinheit", die interdisziplinäres Arbeit intern fördert, nennt er das Santa Fe Institute. Er selbst sieht aber auch hier zu Lande viele positive Entwicklungen. "Teams werden je nach Zielsetzungen auch schon interdisziplinär besetzt."

Das EC 3 könne zum Beispiel aufgrund der Entwicklungen technischer, wirtschaftlicher Lösungen für Internet und Mobilfunk nur notwendigerweise "disziplinär mit Ökonomen und Technikern arbeiten. Ohne diese Vernetzung können wir nicht einmal loslegen." Auch Penningers Teams setzen sich aus Wissenschaftern verschiedenster Fachrichtungen zusammen: Molekularbiologen, Genetiker, Immunologen.

Für Katzmair sind das löbliche Ausnahmen. Forscher, die interdisziplinär arbeiten wollen, müssten sich im Regelfall selbst vernetzen, auch Richtung Ausland. Das sei kein rein österreichisches, das sei ein zentraleuropäisches Problem. Nur so könne man weiterkommen in seiner wissenschaftlichen Entwicklung, "ohne zu verbittern". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Juni 2006)

  • Die österreichischen Forscher Josef Penninger (links), Harald Katzmair (unten) und Karl Fröschl (rechts) – sich als Wissenschafter weltweit vernetzen beugt gegen Frust wegen "Schrebergartenmentalität" vor.
    fotos: der standard/newald, hendrich, illustration: köck

    Die österreichischen Forscher Josef Penninger (links), Harald Katzmair (unten) und Karl Fröschl (rechts) – sich als Wissenschafter weltweit vernetzen beugt gegen Frust wegen "Schrebergartenmentalität" vor.

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