Uni-Forschung mit sozialem Nutzen

27. Juni 2006, 18:34
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Einen Fokus auf Entwicklungshilfe legen junge Forscher in vielen ihrer Projekte. Auch Krebserkennung und Sprachen wollen sie durchleuchten

Einen Fokus auf Entwicklungshilfe legen junge Forscher in vielen ihrer Projekte. Auch Krebserkennung und Sprachen wollen sie durchleuchten, berichtet das Team des UniStandard.

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Forschung am lebenden Objekt ist risikoreich, die Hoffnung auf Erfolg jedoch verlockender als Untätigkeit. Handelt es sich dabei um die Koordination eines ökologisch sinnvollen Abwassersystems in Ostafrika, spielen mehrere heikle Faktoren mit. Rivalitäten zwischen Stämmen und Nationen, Forscher, die den Kontakt zur heimischen Bevölkerung nicht finden, oder die schiere Größe des vier Städte Projekts.

Projektkoordinator Günter Langergraber von der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien ist sich dessen bewusst und setzt auf Erfahrung aller Mitwirkenden beim Projekt ROSA - "Resource Oriented Sanitation concepts for peri-urban areas in Africa". Die Städte Arbaminch (Äthiopien), Nakuru (Kenia), Arusha (Tansania) und Kitgum (Uganda) - gesamt mehr als 700.000 Bewohner - sollen in Zusammenarbeit mit europäischen Partnern ein besseres Abwassermanagement erarbeiten.

Langergraber betont den weiterführenden Nutzen abseits der erhofften Steigerung von Lebensqualität in den Städten, "das Netzwerk zwischen Unis, Städten und allen Beteiligten soll weiter bestehen." Ihm ist die soziale Komponente für zukünftige Projekte wichtig, denn, "wenn sich die Leute vorher kennen, sind die Chancen höher, dass alles funktioniert".

Im Bereich der vernetzten Entwicklungshilfe weist die Boku eine Vielzahl an Forschungsprojekten auf. So entwickelt etwa der Arbeitsbereich Ingenieurbiologie und Landschaftsbau ein Programm für Uferschutzmaßnahmen am Rio Guarda Mor in Südbrasilien. Am Institut für Nachhaltige Agrarsysteme laufen derzeit gleich drei Projekte zur Optimierung landwirtschaftlicher Strukturen in den Partnerländern Nicaragua, Guinea und Uganda.

Viele Vifzacks

Ein sozialer Nutzen steht auch im Vordergrund eines der vielen Forschungsprojekte junger Nachwuchswissenschafter: Bisher mussten sich Patienten verschiedener Krebsarten, etwa des Prostatakrebs, für eine gezielte Diagnose einer Biopsie unterziehen. Christian Huck, einer der jüngsten Wissenschafter am Innsbrucker Institut für Analytische Chemie und Radiochemie hat nun mit Kollegen eine Kombination von Verfahren entwickelt, mit denen eine Krankheitserkennung durch Blutproben möglich ist. Das ist nicht nur für den Patienten angenehmer, sondern soll auch Analysekosten senken.

Anderer Art ist der Forschungsschwerpunkt des Wiener Slawisten Michael Moser. Er ist einer der fünf Wissenschafter, die 2005 mit dem START-Preis ausgezeichnet wurden - eine Unterstützungsinitiative, die Forschungsprojekte österreichischer Nachwuchsforscher bis zum 36. Lebensjahr finanziert.

Primär beschäftigt er sich mit dem ostgalizischen Ukrainisch. Die ukrainische Philologie sei ein Gebiet, auf dem noch viel Grundlagenarbeit geleistet werden müsse. "Selbst elementare Kenntnisse über Geschichte und Gegenwart dieser Sprache sind nur wenigen Fachleuten der slawischen Philologie vertraut", kritisiert er.

Oksana Havryliv, gebürtige Ukrainerin, interessiert sich vor allem für Schimpfwörter - sowohl im Ukrainischen als auch im Deutschen. Derzeit erforscht die 35-jährige Germanistin an der Uni Wien das Fluchverhalten der Wiener.

Dabei unterscheidet sie Schimpfen, Beschimpfen und Fluchen. In Wien habe sie "sehr untypische Funktionen des Schimpfens" kennen gelernt", erklärt sie ihre Wahl. Finanziert werden ihre Untersuchungen durch ein Lise-Meitner-Stipendium des FWF. Die Bedingungen für Nachwuchsforscher an den österreichischen Universitäten sieht Havryliv positiv, vor allem seien Forschung und Lehre harmonisch kombiniert.

Mangel an Attraktivität

"In der Ukraine galt die Wissenschaft teils mehr als Hobby, das am Abend zu Hause betrieben wird." Problematisch sei hier allerdings, wie auch in Lviv, die finanzielle Attraktivität der Uni-Forschung. Für ihre erste Aspirantenstelle an der Nationalen Ivan Franko Uni in Lviv war Havryliv die einzige Bewerberin. "Viele Kollegen sind in die Privatwirtschaft gegangen und haben dort viel Geld gemacht - ich habe eben meine Dissertation geschrieben", erklärt die junge Forscherin.

Schon mit 22 unterrichtete sie am Lviver Institut für Fremdsprachen. Der Wiedereinstieg nach einer Babypause war für Havryliv nicht schwer, die niedrige Frauenquote in der Forschung sieht sie nicht als Ursache von Benachteiligungen. "Es ist die Entscheidung der Frauen, welche Prioritäten sie zu einem bestimmten Zeitpunkt setzen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Juni 2006)

Von Isabella Hager und Georg Horvath
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    Quantensprünge für die Entwicklungshilfe: Junge Forscher arbeiten an ökologisch sinnvollen Abfluss- und Agrarsystemen oder Uferschutzmaßnahmen am Rio Guarda Mor.

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