Austausch auf höchsten Höhen

21. Juni 2006, 15:41
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Bush kommt nach Wien, die Stadt wird lahm gelegt, in der Bevölkerung regt sich der erste Gipfelverdruss

"Gipfel, der; -s; 1 a.) höchste Spitze eines Berges b) (veraltend, noch landschaftl.) Wipfel 2. das höchste denkbare, erreichbare Maß von etw.; das Äußerste; Höhepunkt 3. (Politik-Jargon) kurz für Gipfelkonferenz, Gipfeltreffen"(Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache): Für Politiker - und politische Journalisten - sind Gipfel (im Sinn der dritten Duden-Definition) Teil ihres Arbeitsalltags; Menschen in anderen Lebensumständen werden ihrer in der Regel meist nur über Medienberichte teilhaftig.

Von dieser Regel gibt es allerdings Ausnahmen, wie dieser Tage in Wien. Wenn Menschen mit Bürstenhaarschnitt und schwarzen Sonnenbrillen ganze Straßenzüge lahm legen, dann dämmert es auch noch dem politisch uninformiertesten Zeitgenossen, dass ganz in seiner Nähe ein Gipfel im Gang sein muss. Für jene Leser, die die vergangenen vierzehn Tage in einem Erdloch zurgebracht haben: In Wien ist am Dienstag US-Präsident George W. Bush zum EU-USA-Gipfel angereist.

Populärer Verdacht

Die Belästigungen, welche Gipfel für das Alltagsleben des unbeteiligten Staatsbürger mit sich bringen, werden natürlich nicht gerne gesehen (auch der Mainz-Besuch des US-Präsidenten im Vorjahr sorgte für erheblichen Unmut in der Statdbevölkerung). Wer als Journalist Volksnähe demonstieren will, der schließt sich also von Vornherein dem populären Verdacht an, dass es sich bei einem Gipfel nur um ein "Nicht-Ereignis"handeln kann.

Oder, schlimmer, um eine Luxusveranstaltung, bei dem es sich eine morbide politische Kaste auf Kosten des Volkes nach Herzenslust gut gehen lässt. Hans-Peter Martin kann ganze Kolumnenspalten mit der Aufzählung von Speisenfolgen füllen, die zu solchen Anlässen gereicht werden ("Hummer an weißem Trüffelöl, Gambas Black Tiger, edelste Fische und ein tiefgelber Riesling auf der eigens gedruckten Karte").

Dass auf vielen Gipfeln hohle Betriebsamkeit und penetrantes Protzentum mit zugegen sind - geschenkt. Dennoch sind und bleiben sie ein un- verzichtbares Feature im zwischenstaatlichen Verkehr. Gipfel sind üblicherweise nur der Schlußpunkt eines langen, intensiven Kommunikationsprozesses, bei dem die Bürokratien der Gipfelstaaten auf vielerlei Ebenen miteinander in Kontakt kommen müssen. Allein dieser Austausch bringt ein zivilisierendes und beruhigendes Moment in die internationalen Beziehungen ein, das dem Staatsbürger meist verborgen bleibt.

EU-Staatssekretär Hans Winkler hat am Sonntag in "Offen gesagt"eine weiteren Grund für den Unentbehrlichkeit der Institution "Gipfel"erwähnt: Die technischen Errungenschaften des Zeitalters würden es zwar ermöglichen, den zwischenstaatlichen Austausch weitgehend über Telefon- und Videokonferenzen abzuwickeln.

Dennoch wäre es undenkbar, diesen Austausch ohne ein wirkliches Zusammenkommen der beteiligten Politiker auf Dauer aufrecht zu erhalten. Menschliche Nähe steht in engem Zusammenhang zu physischer Nähe (es muss ja nicht immer gleich so intensiv werden wie bei jenem US-japanischen Gipfeltreffen 1992 in Tokio, als sich George H. W. Bush bei einem Staatsbankett in den Schoß des japanischen Premiers Kiichi Miyazawa erbrach).

Gipfel haben darüber hinaus großen symbolischen Wert. Sie sind wie Wegmarken im Ablauf der Geschichte, und sie schaffen ein gemeinsames Gipfelbewusstsein, das mit dem Gipfelerlebnis nach dem erfolgreichen Besteigung eines Dreitausenders durchaus vergleichbar ist. Alte Hasen der EU-Berichterstattung sind in der Lage, mit Andeutungen wie "damals in Luxemburg"oder "damals in Nizza"lange Assoziationsketten heraufzubeschwören, die ihrerseits verbindende Wirkung haben.

Zentrale Komponente

Vor einer Illusion sollte man sich allerdings hüten: Auch wenn die Gipfelteilnehmer einander formal gleichgestellt sein mögen, heißt das noch lange nicht, dass sie es auch wirklich sind. Ob ein Gipfelteilnehmer eine Supermacht wie die USA vertritt oder ein Land von eher geringer Machtfülle wie etwa Lettland oder die Kapverden, macht eben doch einen Unterschied. Der Aufwand, der beim Besuch von George Bush getrieben wurde, hat diesen Unterschied wieder einmal sehr sinnfällig gemacht. (Christoph Winder/DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2006)

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    In rot-weiß-roten Gefilden: Der amerikanische Präsident George W. Bush gibt sich die Ehre und kommt für zwanzig Stunden nach Wien

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