Theaterdonner aus der Ärztekammer

13. Juli 2006, 11:04
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Die Tiroler Ärztekammer sieht wegen der überbordenden Bürokratie die Versorgungssicherheit in Gefahr und warnt vor einer Zweiklassenmedizin.

Innsbruck - Früher haben die Ärzte in den Tiroler Tälern mit den Erkrankungen und Unfällen der Urlaubsgäste blendend verdient. Nur wenige Touristen hatten einen Urlaubskrankenschein dabei, also wurde nach den höheren Tarifen der Ärztekammer individuell abgerechnet und nicht nach jenen der Gebietskrankenkasse (TGKK). Seit es die E-Card gibt ist es damit vorbei, denn deren Kehrseite ist die Europäische Krankenversicherungskarte (EKVK). Jetzt bringen Gäste aus fast allen EU-Ländern den Tiroler Ärzten nur noch die TGKK-Honorare.

69 Prozent beklagen nach einer Umfrage der Tiroler Ärztekammer Einkommenseinbussen, die Hälfte der Ärzte will deshalb weniger investieren, 28 Prozent überlegen, den Kassenvertrag zu kündigen. Für den Präsidenten der Tiroler Ärztekammer Artur Wechselberger ist deshalb der hohe Versorgungsstandard in den Tourismusgebieten gefährdet. Wechselberger verlangt eine allgemeine Anhebung der Kassentarife. Naturgemäß hält TGKK-Direktor Heinz Öhler davon wenig, bietet aber an, den höheren Aufwand, den ausländische Patienten verursachen, dadurch auszugleichen, dass der Tarif für Erstgespräche verrechnet wird.

Insgesamt ortet Wechselberger in der Ärzteschaft weit verbreitete Überforderung und Resignation. Überbordende Bürokratie, vor allem im Zusammenhang mit der "Chefarztpflicht neu"degradiere seine Kollegen zu "Papierschreibern". Über Verlagerungen in den extramuralen Bereich gebe es nur Ankündigungen, aber keine Taten und immer mehr Leistungen würden von der Kasse nicht abgegolten. Daher befinde sich Österreich auf dem Weg in die Zweiklassenmedizin, "die wir nicht wollen", betont Wechselberger. Da zwei Drittel der Ärzte Kampfmaßnahmen befürworten, droht Wechselberger mit stundenweisen Schließungen der Praxen und bringt die schärfste Waffe in Stellung: die kollektive Kündigung der Kassenverträge.

Öhler gesteht den Ärzten zu, dass mit E-Card, der Neureglung der Chefarztpflicht und der "Vorsorgeuntersuchung neu"innerhalb kurzer Zeit viel über sie hereingebrochen sei. Verantwortlich dafür seien aber nicht die Kassen, sondern das Gesundheitsministerium. Gegen Pauschalregelungen bei den Tarifen wehre sich nicht die TGKK, sondern die Ärztekammer, die möglichst viele Einzelpositionen verankert haben will, betont Öhler. Über die angedrohten Streiks und Vertragskündigungen ist Öhler "verwundert", schließlich habe man vor zwei Monaten die Verhandlungen mit der Ärztekammer begonnen, "und wir haben uns noch jedes Jahr geeinigt". (DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2006)

von Hannes Schlosser
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