Pelé im Tempel erklärt sich bereit

20. Juni 2006, 22:29
4 Postings

Der berühmteste Fußballer der Gegenwart in einem exklusiven STANDARD-Gespräch in der "Peléstation" in Berlin

Im weiten Betonareal unterhalb des Potsdamer Platzes in Berlin fällt der bunte Fleck nicht sofort auf. Man muss schon direkt am üppig dekorierten Eingang zu der "Peléstation"vorbeigehen, um sie zu bemerken. Im Untergrund des großen Bahnhofs, an einem Ort, an dem gelegentlich Modeschauen oder Ausstellungen stattfinden, wird in diesen Tagen Edson Arantes di Nascimento gefeiert, Künstlername Pelé, vielleicht der berühmteste Fußballspieler der Gegenwart.

Die "Peléstation"ist ein Tempel, der von Videobildern beleuchtet wird. Die großen Tore, die unwiderstehlichen Dribblings, die ekstatischen Jubelszenen - wirklich jedes kanonische Bild aus Pelés Karriere (und noch ein paar weniger bekannte) wird hier gezeigt. Auf einer gigantisch langen Videowand spielt Pelé in einer Clip-Montage nur mit sich selbst. Die "Peléstation", kuratiert von Marcello Dantas, ist ein Projekt des Unternehmens Prime, das Pelé "als Marke"vertritt. Und so wird er hier auch inszeniert, der Mensch geht in seinem Image auf, die Tore sind nur das Rufzeichen dahinter.

Die Bedingungen

Um für Prime und die "Peléstation"ein wenig die Werbetrommel zu rühren, hat Pelé sich bereit erklärt, ein Interview zu geben. Er möchte mit einem Kulturjournalisten sprechen, nicht nur über Fußball, sondern über sich und die Welt. Dazu muss man aber erst einmal zu ihm vordringen. Es ist ein Freitagabend im Sony-Center. Johannes B. Kerner hat Pause. Sein Kokommentator Urs Meier stärkt sich mit einer Melone. Irgendwo in den hinteren Räumen des ZDF befindet sich Pelé. Ein Vertreter von Prime kommt und erläutert die Bedingungen: Das Gespräch kann fünf Minuten dauern, wobei Pelé gleichzeitig ein Auge auf das mühsame Spiel Englands gegen Trinidad &Tobago haben muss.

Das trifft sich gut, so soll es sein, die Tür geht auf, und Pelé sitzt da in einem hellblauen Anzug, der nur auf den ersten Blick an eine Mao-Uniform denken lässt. Es ist jedenfalls die perfekte Tropenkleidung. In Deutschland ist es an diesem Abend auch wirklich rekordverdächtig schwül.

"Kaffee - das war alles"

Das Spiel der Engländer kann Pelé die Laune nicht verderben. "Live habe ich nur die ersten zwei Matches dieser WM gesehen, den Rest im Fernsehen. Aber das Niveau ist viel besser als vor vier Jahren. Man hat im Vorfeld vermutet, dass alles sehr eng und taktisch abgehen würde. Jetzt haben wir schon einen Durchschnitt von drei Toren pro Spiel."Pelé ist bei diesem Turnier als Kommentator im Einsatz, als Werbeträger und als Symbolfigur. Was hat sich für sein Land Brasilien verändert, seit er 1958 maßgeblich zum ersten WM-Titel der Seleção beitrug? "Mein Leben begann damals, ich war 17 Jahre alt. Ich war der jüngste Spieler, der jemals Weltmeister wurde. Damals kannte die Welt Brasilien nicht. Kaffee - das war alles. Heute hat das Land eine andere Rolle, die Wirtschaft hat an Bedeutung gewonnen. Aber das Land könnte viel stärker sein, wenn es eine gute Verwaltung hätte."

Lula: Anderer Klub

In den 90ern versuchte Pelé sich selbst als Politiker. Unter dem Präsidenten Fernando Henrique Cardoso übernahm er das Sportministerium und versuchte, den notorisch korrupten brasilianischen Fußball auf eine neue Basis zu stellen. Das "Pelé"-Gesetz wurde zwar rechtskräftig, bald aber entschärft, und der umstrittene Funktionär Ricardo Teixeira konnte sich durch einen Handschlag mit Pelé symbolisch rehabilitieren.

Wie sieht Pelé die politischen Perspektiven für sein Land nun, da der Präsident Lula demnächst zur Wahl stehen wird? "Zuerst muss ich sagen: Lula ist Anhänger des Clubs Corinthians, ich komme vom FC Santos. Er ist ein Präsident aus dem Volk. Ich hoffe, er kann seine Probleme überwinden und in einer zweiten Amtszeit die Versprechungen einlösen, die er den Menschen gegeben hat."

In Berlin ist Pelé mit dem Musiker Gilberto Gil vor die Presse getreten, dem gegenwärtigen Kulturminister Brasiliens. Lässt sich aus der Tatsache, dass Fußball und Musik sich so gut verstehen, etwas ableiten über das besondere Genie von Pelé, Garrincha, Zico, Ronaldinho? "Sicher, wir leben Samba auch auf dem Platz. Ich habe selbst eine Schallplatte aufgenommen, in meiner Freizeit singe ich häufig. Diese Lebensfreude kann uns niemand nehmen. Aber wir dürfen die Armut nicht vergessen: Bei uns spielen die Kinder Fußball, bevor sie noch in die Schule gehen. Sie versprechen sich davon mehr."

Kein Wunder, wenn man sieht, welche kommerzielle Dimension der Sport inzwischen bekommen hat. Bei der Weltmeisterschaft wird jede Kleinigkeit vermarktet und verwertet. Verliert das Spiel dadurch nicht seine Unschuld? Pelé hat damit kein Problem. "Das gehört zur Demokratie. Alle Sportarten sind heute sehr kommerziell. So leben die Menschen. Alles wird heute am Geld gemessen."

Pelé ist hungrig

Außenseiter Trinidad &Tobago wehrt sich immer noch gegen Englands Offensive. Der Mitarbeiter von Prime aber gibt ein deutliches Zeichen. Pelé ist hungrig, das Gespräch ist zu Ende. Beim Hinaustreten in den Berliner Sommerabend ist ein Jubelschrei zu hören. England hat ein Tor geschossen. In der "Peléstation"ist der Jubel vom Band für heute schon ausgeschaltet. (Bert Rebhandl aus Berlin - DER STANDARD PRINTAUSGABE 21.6. 2006)

Share if you care.