Italiens Zuhause wie daheim

22. Juni 2006, 14:51
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Ein Stück Italien in Duis­burg ist das Hauptquar­tier der Squadra. Trotz nicht fixier­tem Achtel­final-Einzug ist man um Lässigkeit bemüht

Raffaela wirkt gelangweilt, außer ihr Telefonino klingelt. Das tut es allerdings oft, weshalb Raffaelas Tage in der schicken Casa Azzurri auch wieder flott vergehen. Zumindest bis 9. Juli, bis zum WM-Schlusspfiff, müssen die Hostess und 24 Kolleginnen der Federazione Italiana Giuoco Calcio, also des italienischen Fußballverbandes (FIGC), in Duisburg ausharren.

Was Raffaela in ihrem natürlich in Blau-Weiß gehaltenen Trainingsanzug nicht mehr richtig zu schätzen weiß, gilt als eine der wenigen nicht hausgemachten Sehenswürdigkeiten der WM. Die FIGC hat das Stadion des Bundesliga-Absteigers MSV Duisburg in Beschlag genommen, die Mannschaft arbeitet im Trainingszentrum der so genannten Zebras oder in der Arena selbst, deren Vorhalle in eine Oase der Italianità auf drei Ebenen verwandelt wurde.

Flauschige blaue Teppiche, Kunstledersitzgruppen in den Verbandsfarben, klassizistische Sofas, mit Stoffen bezogen, die die Helden der Squadra zeigen. Zwei Bars, ein Ristorante und diverse andere Zerstreuungsmöglichkeiten wie Wuzler komplettieren das Ensemble im ersten Stock, in dem die FIGC ihre zahllosen Sponsoren - von den Regionen Veneto, Calabria und Campania bis hin zum Ausstatter Puma - präsentiert.

Alles ist wichtig

Hier ist weit gehend FIFA-freie Zone. Die Bar Veneto schenkt das vorgeschriebene Einheitsbier gar nicht erst aus, hält sich lieber an die Brüder Rosso und Bianco. Der Mann von Fratelli Beretta schneidet Schinken und Salami auf, "Espresso gibt's bei der Konkurrenz", sagt Alberto, auf die Bar nebenan zeigend.

Alberto von Tuttosportist nur einer von mehr als 200 Journalisten, die in der Casa Azzurri bei Laune gehalten werden. Zehn Kamerateams sind ständig präsent, um auch jeden noch so kleinen Fetzen an Information über die Squadra bildlich und tontechnisch zu bannen. Gesendet wird aus drei in die Casa integrierten Studios. Flachbildschirme sind allgegenwärtig.

Richtig lebhaft wird's, wenn zu ebener Erde die Spieler oder Allenatore Marcello Lippi in der Sala Lippi Hof halten. Zwei Tage vor Italiens drittem Vorrundenspiel der Gruppe E gegen Tschechien am Donnerstag in Hamburg ist Kapitän Fabio Cannavaro da. Betont entspannt stellt sich der 33-jährige Abwehrspieler von Juventus Turin den gewichtigen Fragen. "Was haben Totti und Zambrotta im Training besprochen? Gibt es Streit? Hast du mit Nedvìd telefoniert? Ist Del Piero fit genug? Hast du gehört, dass Des-champs Trainer der Juve wird?"Cannavaro antwortet ausführlich, die Dolmetscherin besitzt die einzigartige Gabe, auch die ausschweifendsten Wortspenden in prägnante englische Sätze zu pressen. "Francesco und Gianluca haben nur diskutiert. Es gibt keinen Streit. Ich werde Pavel heute anrufen. Alessandro fühlt sich gut. Wie wir alle. Nein, das ist mir neu."

Gennaro Gattuso gibt zwei Säle weiter mehr her. "Nedvìd", sagt der durch Bart und Tattoo grimmig wirkende Recke des AC Milan, "ist ein wahrer Champion. Ich dagegen bin nur ein Spielzerstörer, ein Nichts."Die Schreiber von der Gazzetta dello Sportund all den anderen Blättern, die täglich seitenweise aus Duisburg berichten, werden es dem bärtigen Kämpfer auch danken, dass er zum heimischen Skandal Stellung nimmt.

Nichts ist erreicht

"Das Bild von Italien ist nach dieser Geschichte nicht sehr schön", sagt der 28-Jährige leicht erregt: "Deshalb ist es unheimlich wichtig, dass wir nicht in der Vorrunde ausscheiden. Wir haben noch nichts erreicht, aber wir Spieler sind die gute Seite des Fußballs, wir können positive Schlagzeilen schreiben."

30 Minuten dauert der Zauber, dann löst sich die Menge auf. Cannavaro und Gattuso gehen essen, die Journalisten auch. Die Squadra ist wichtig, Lebensart aber auch. Raffaela hat einen Tisch im Ristorante. Die WM vergeht wie im Flug. (Sigi Lützow aus Duisburg - DER STANDARD PRINTAUSGABE 21.6. 2006)

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    In Duisburg gibt Marcello Lippi den Trainer Italiens, in der Casa Azzurri ist er der Allenatore der Squadra Azzurra. Am Donnerstag kommt's zum dritten und letzten Vorrundenspiel, der Gegner heißt Tschechien.

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