Besser leben unter Strahlen

27. Juni 2006, 18:26
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Gesünder atmen im Sommer. Mehr Ruhe vor dem Sturm. Wir kennen oft die Gefahren nicht, aber wir wollen vorgewarnt werden.

Gesünder atmen im Sommer. Mehr Ruhe vor dem Sturm. Wir kennen oft die Gefahren nicht, aber wir wollen vorgewarnt werden. Manchmal soll das schnell geschehen, andere Prozesse erfordern jahrzehntelange genaue Beobachtung. Immer jedoch ist Monitoring gefragt.

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Gefahren lauern überall. Während diese Zeilen geschrieben werden, soll mit der Verschweißung von Kanaldeckeln rund ums Hotel Intercontinental begonnen werden, damit dem hohen Gast von unten keine Gefahr droht. Ob das reicht? Bei Doderer fährt der Bösewicht mit einer Schlaufe durch die Gitterlöcher, um Passanten zu Fall zu bringen. Man kann also nicht vorsichtig genug sein.

Falsch wäre es auch, mit Herrn Karl zu behaupten, man kenne sich aus im "Strahlenmeer Weltraum". Mitnichten kennen wir uns aus, schon gar nicht bei Problemquellen, die weniger sichtbar sind als Drahtschlaufen. Viele der gefährlicheren Umweltbelastungen sind für uns nicht zu registrieren, bzw. wenn wir sie registrieren, ist es zu spät.

Daher die Idee des Monitoring, übersetzbar etwa mit: ständiges Überwachen von Prozessen und Phänomenen in der Absicht, bei problematischen Entwicklungen rechtzeitig zu warnen.

Die Prozesse, um die es beim Umweltmonitoring geht, können explosionsartig schnell oder erdgeschichtlich langsam vor sich gehen, Wachsamkeit ist in jedem Fall angesagt. Als Extreme seien der Reaktorunfall in Tschernobyl und die Klimaerwärmung genannt; beide Beispiele zeigen die Notwendigkeit rechtzeitiger Warnung, aber auch die Bedeutung politischen (Nicht-)Handelns.

Was das Klima anbelangt, navigieren Forscher schon seit mehreren Jahrzehnten zwischen den Klippen der Verharmlosung und der Panikmache. Unter ihnen ist ein global agierendes Monitoringprogramm, das die Veränderungen der Lebenswelt in Kältezonen untersucht. Nicht an den Polarkappen der Erde, sondern in verschiedenen Hochgebirgen beobachten die Teilnehmer, wie sich der Klimawandel an den ökologischen Folgen ablesen lässt. Vor sieben Jahren begannen 18 europäische Partner unter österreichischer Leitung (Naturschutzbiologen der Uni Wien, Gebirgsforschung der Akademie der Wissenschaften), weltweit Stationen aufzubauen.

Inzwischen sind es mehr als 40, in den Alpen und den Anden, in Zentralasien, im Kaukasus, in Neuseeland. Vor Kurzem wurde am kalifornischen White Mountain eine Master Station etabliert, die Wiener arbeiten dort mit Wissenschaftern der University of California zusammen.

Die Global Observation Research Initiative in Alpine Environments (GLORIA) wird wegen der Langsamkeit der Veränderungen erst in fünf bis zehn Jahren klare Aussagen machen können, doch "die folgenden Generationen von Ökologen", so ihr Fact-Sheet, "werden es uns danken".

Schneller bei Handys

Naturgemäß schneller laufen die Dinge bei Handys und deren "Smog", bei Luftverschmutzung oder bei rasenden Folgen von zu viel Regen, den immer zahlreicheren Hochwassern. Hier wird Wachsamkeit, schon immer angesagt, nun durch komplexere Berechnungen bei gleichzeitig einfacherer Vor-Ort-Praxis unterstützt.

Seibersdorf hat nicht nur bereits vor 15 Jahren ein österreichweites Netz zur Vermessung der Luftgüte installiert, die Abteilung Smart Systems von den Austrian Research Centers hat sie nun durch ein genaueres System ersetzt, das im vergangenen Jahr in Kärnten seinen Betrieb aufgenommen hat.

Luftmessnetz geplant

Den Umweltinformationssystemen bei Smart Systems ist es gelungen, das Luftgütemessnetz in Rumänien zu 100 Prozent zu planen und dessen Installierung und Durchführung zu überwachen. Ihr Leiter Hubert Hahn (siehe Interview) hebt hervor, dass es nicht nur um die reinen Applikationen gehe, sondern dass sich die Seibersdorf-Abteilung auch als "Drehscheibe für die EU-Entwicklungen und die nationalen Anwendungen" sehe.

Spezielle Rechenmodelle sind das Herz von Monitoring-Aktivitäten, die die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, bekannt aus der Wettervorhersage, betreibt. Sie bringt die ständig aktualisierten Daten von Luftmassenbewegungen mit den Feinstaubwerten in Zusammenhang.

Auf diese Weise kann sie die Ursachen für erhöhten Feinstaub ermitteln, sozusagen hieb- und stichfest: wie viel etwa auf lokale Quellen zurückgeht, auf Emittenten jenseits der Grenzen oder gar auf Saharastürme, deren Auswirkungen ja gelegentlich als roter Schleier auf alpinem Schnee zu sehen sind.

Dass es hier um die komplexe Verarbeitung unterschiedlichster Daten geht, liegt auf der Hand. Dementsprechend haben die Monitoring-Mitarbeiter Zugriff auf den Superrechner der europäischen Wettervorhersage im englischen Reading. Im Einstundentakt erhält das Umweltbundesamt Daten über möglicherweise bevorstehende Überschreitungen von Feinstaub- oder Ozonkonzentrationen.

Schließlich ist noch die Entwicklung, wiederum bei ARC Seibersdorf, von Geräten zu nennen, die vor Ort die tatsächliche Belastung durch Strahlungen aller Art messen und sofort weitergeben können: beliebig viele neue Daten zur alten Streitfrage, ob Handys unsere Gesundheit gefährden.

Fühlen wir uns nun sicherer? Sicher tun die Forscher alles, um das Monitoring so genau und unkompliziert wie möglich zu machen, damit auch Laien verstehen können, was in der Luft, zu Lande, zu Wasser lauert. Ob allerdings die Laien, zum Beispiel in der Form von Politikern, auch verstehen, wann es zu handeln gilt, ist eine andere Frage. Die können auch die besten Vorhersagen nicht beantworten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Juni 2006)

  • Umweltmonitoring: An öffentlichen Plätzen kann man sich über die Luftgüte
jederzeit informieren.
    foto: der standard/michaela köck

    Umweltmonitoring: An öffentlichen Plätzen kann man sich über die Luftgüte jederzeit informieren.

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