Badevergnügen im Arktischen Meer

21. Juni 2006, 13:08
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Eine neue Studie enthüllte erstmals die Geschichte der Arktis - und widerlegt die Lehrbücher

Am Nordpol herrschte subtropisches Klima, das Arktische Meer hatte Wassertemperaturen von badetauglichen 23 Grad Celsius. Eine neue Studie enthüllte erstmals die Geschichte der Arktis - und widerlegt die Lehrbücher

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London - Am Nordpol gebe es eine Öffnung, behauptete der Amerikaner John Cleve Symmes vor 200 Jahren. Zwar glaubt heute niemand mehr, man könne dort ins Erdinnere gelangen, doch letztlich sollte Symmes Recht bekommen. Denn Meeresforscher haben vier Löcher in den Grund des Arktischen Ozeans getrieben - 250 Kilometer vom Nordpol entfernt. Ihr Bohrgerät war innen hohl wie ein Apfel-Entkerner und lieferte den Wissenschaftern 428 Meter lange Stangen aus Lehm, die sie genau untersucht haben. Nun können die Forscher die Klimageschichte des Nordens 56 Millionen Jahre zurückverfolgen. Alte Erdkundebücher haben ausgedient.

Der Aufwand für die Arktische Bohrexpedition (ACEX) war immens. Zwei Eisbrecher mussten das Bohrschiff Vidar Viking ständig umkreisen, damit es nicht vom Treibeis zerquetscht wurde. Der Bohrer senkte sich unter einem Kilometer Wasser in den Schlamm des Lomonossow-Rückens, eines fast alpenhohen Unterseegebirges. Die Bohrkerne kamen an die Uni Bremen, wo 33 internationale Experten sie untersuchten. Die Forscher schauten der Erde dabei quasi ins Tagebuch, berichtete das britische Nature.

Die ältesten Lagen der Bohrstangen stammen aus dem späten Paläozän vor 56 Millionen Jahren, einer Epoche der blühenden Artenvielfalt. Der Aufstieg der Säugetiere hatte begonnen, nachdem neun Millionen Jahre zuvor die Dinosaurier ausgestorben waren. In der Arktis herrschte subtropisches Klima mit Wassertemperaturen von badetauglichen 23 Grad, berichten die Forscher. Lehrbücher schreiben hingegen, das Klima sei damals kühl gewesen.

Ursache ist unbekannt

Im Meeressediment jener Zeit fanden die Wissenschafter Gehäuse von Planktonarten, die nur bei Wärme gedeihen. Zudem verrät der Anteil zweier verschieden schwerer Arten von Sauerstoff in den Kalkschalen die Temperatur, denn Wasser mit der leichteren Variante verdunstet schneller. Warum es damals so warm war, ist unbekannt.

Während der nächsten sieben Millionen Jahre kühlte das arktische Meer um zehn Grad ab. Verschiebungen der Erdplatten schnitten es vor 49 Millionen Jahren im Eozän fast völlig von den Ozeanen ab, ein gewaltiger Brackwassersee bedeckte den Nordpol: Die Forscher fanden Überreste eines Süßwasserfarnes und Salzwasserorganismen.

Damals streiften lemurenähnliche Geschöpfe mit fünf kleinen Fingern an jeder Hand durch die Urwälder an den Küsten des arktischen Meeres - frühe Verwandte des Menschen. Sie und andere Tiere wurden bald nach Süden verdrängt. Denn bereits vor 45 Millionen Jahren trieb Eis auf dem Arktischen Meer, das Klima war deutlich abgekühlt. Dafür sprechen etwa Kieselsteine im Bohrkern; sie können nur mit Eisbergen ins Wasser gelangt sein.

Nord- und Südpol scheinen demnach gleichzeitig vereist zu sein. Lehrbücher schreiben hingegen, die Vereisung der Arktis habe frühestens vor fünf Millionen begonnen. Die gängige Theorie von der Entstehung der großen Eispanzer ist nun hinfällig. Überreste von Kaltwasser-Einzellern und große Mengen Eisbergschutt im Sediment zeigen, dass die Arktis vor 16 Millionen Jahren jeden Winter und seit 3,2 Millionen Jahren fast ständig mit Meereis bedeckt war. Das Eiszeitalter hatte begonnen - und dauert an. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Juni 2006)

Von Axel Bojanowski
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    Das Arktische Meer, in dem sich heute kälteresistente Walrosse tummeln, hatte vor Millionen von Jahren Wassertemperaturen von badetauglichen 23 Grad Celsius.

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