SPÖ-Reaktion auf Familienbericht: "Geschenk an konservative Väter"

9. Juni 2000, 19:16

In Österreich kam es zu einer "Re-Traditionalisierung" der familiären Rollenteilung

Wien - SPÖ-Bundesfrauenvorsitzende Barbara Prammer sieht im am Freitag vorgestellten Familienbericht des Nationalrats ein Vatertags-Geschenk von Sozialministerin Elisabeth Sickl (F) an konservative Väter. "Indem der Bericht die Notwendigkeit des Ausbaus von Kinderbetreuungseinrichtungen verneint, werden weniger Frauen die Möglichkeit haben, berufstätig zu sein", so Prammer in einer Aussendung. Prammers Angaben zufolge fehlen in ganz Österreich nach wie vor mehr als 100.000 Kindergartenplätze.

Wenn der Bericht feststelle, dass mehr Ganztagsbetreuungsplätze angeboten als nachgefragt werden, so stelle sich doch die Frage, ob sich diese Betreuungsplätze dort befinden, wo sie gebraucht werden, so Prammer. "Einer Frau, die in einem städtischen Vorort lebt und arbeitet, nützt ein Kinderbetreuungsplatz in der Stadt gar nichts."

Anlässlich des bevorstehenden Vatertags appellierte Prammer an die Männer, sich vermehrt um den Haushalt zu kümmern. Als eine Möglichkeit, diese Entwicklung zu fördern, sieht die SPÖ-Frauenvorsitzende das einkommensabhängige Karenzgeld. "Damit hat man in Schweden gute Erfolge bei der Aufteilung der Kleinstkindbetreuung erziehlt", so Prammer.

Kinderbetreuung ist Frauensache - Der Familienbericht

Kinderbetreuung ist immer noch vorwiegend Frauensache. Das ist das Ergebnis des vierten Familienberichtes, der nun im Nationalrat eingetroffen ist. Demnach kam es in den vergangenen zehn Jahren vielfach sogar zu einer "Re-Traditionalisierung" der familiären Rollenteilung, auch wenn Männer unmittelbar nach der Geburt durchaus vermehrtes Engagement zeigen. Die "Kernfamilie" ist der Studie nach auch heute noch die weitaus häufigste Lebensform, berichtete die Parlamentskorrespondenz am Freitag.

Dennoch konstatieren die StudienautorInnen einen gewissen Wandel. Zwar werden "alternative Lebensformen" meist nur von jungen Menschen in urbanen Regionen gewählt, kinderlose Paare nehmen aber zu und es kommt zu weniger Geburten und Eheschließungen sowie zu höheren Scheidungsraten. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau betrug 1998 1,34, während sie in den 80er und frühen 90er Jahren noch konstant um 1,5 lag.

Wenig Änderung bei Arbeitsaufteilung

Wenig geändert hat sich dem Bericht zufolge an der Aufteilung der Familienarbeit zwischen Männern und Frauen. Zwar befindet sich das Rollenbild und Selbstverständnis der Männer im Wandel, die Pflege der Familienmitglieder ist aber immer noch vor allem in weiblicher Hand. Entsprechend gering ist auch der Anteil der männlichen Karenzgeldbezieher: Auf 120 Mütter kommt dabei nur ein Vater. Knapp die Hälfte der Väter, die sich 1999 in Karenz befanden, war zudem zuvor arbeitslos. Als Ursache für die Zurückhaltung der Männer bei der Inanspruchnahme der Karenz ortet die Sozialforscherin Monika Thenner nicht nur wirtschaftliche Gründe, sondern auch die Konkurrenz unter Männern, die als "subtile Motivationsbremse" wirke.

Zum Thema Kinderbetreuung wird in dem Bericht festgehalten, dass wesentlich mehr Ganztags-Betreuungsplätze angeboten als in Anspruch genommen werden. 76 Prozent der Eltern sind demnach mit den Öffnungszeiten zufrieden, immerhin jede zehnte Familie mit Kindern unter fünf Jahren wünscht sich aber, dass die Kindergärten nachmittags später schließen. Ganz oben auf der Prioritäten-Liste steht laut Studie auch das Offenhalten der Kindergärten im Sommer. (APA)

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