Mit steigender Bildung heiraten weniger Frauen

9. Juni 2000, 12:12

Soziologin Heike Wirth: Für viele Frauen schließen sich Familie und Karriere aus.

Mannheim - Die Mannheimer Soziologin Heike Wirth hat erforscht, ob es in der deutschen Gesellschaft unter den Heiratswilligen eine Tendenz gibt, über die Grenzen der eigenen sozialen Schicht hinaus nach oben zu schielen.

Nach ihren Ergebnissen hält Wirth eine Heirat zwischen Arm und Reich jedoch für "sehr unwahrscheinlich". Auch wenn Eltern heutzutage kaum noch über das Eheglück ihrer Kinder entscheiden: Bildung und Klasse beeinflussen die PartnerInnenwahl. Ihre 268 Seiten umfassenden Forschungsergebnisse sind bald im Buchhandel ("Bildung, Klassenlage und Partnerwahl", Verlag Leske + Budrich, Opladen) erhältlich.

Frauen und Bildung

Bei ihren Studien ist Wirth eines besonders ins Auge gefallen: Seit Frauen verstärkt studieren sei deren Heiratsneigung "massiv zurückgegangen". Das könne daran liegen, dass sich für viele Frauen Familie und Karriere ausschließen, meint Wirth.

In den vergangenen zehn Jahren beobachten die StatistikerInnen einen stetigen Rückgang der Eheschließungen. Traten 1990 noch 516.000 Paare vor den/die StandesbeamtIn, so waren es 1999 nur noch 430.000. Zudem werden die Frischvermählten immer älter: Lag das Durchschnittsalter bei der ersten Hochzeit 1960 (Westdeutschland) bei Männern um die 26 und bei Frauen um die 23 Jahre, so stieg es bis heute im gesamten Bundesgebiet bei Männern auf über 30 und bei Frauen auf fast 28 Jahre.

Gesellschaft anno 1918

"Nahe-liegende Partner" sind gefragt, glaubt Wirth. Die Menschen machten sich nicht massiv auf PartnerInnensuche, sondern schöpften aus dem eigenen Klassenpool. "Man muss sich schon ein bisschen anstrengen, wenn man als Hauptschüler einen Akademiker heiraten will", sagt sie und stellt im selben Atemzug klar, dass in den einzelnen sozialen Schichten, und wenn, dann "nur in kleinen Schritten, nach oben oder unten geheiratet" wird. "Das Entstehen einer diffusen Mitte" kann Wirth nicht erkennen. "Die Gesellschaft ist heute genauso verschlossen wie die von 1918", erläutert Wirth.

Ihre Untersuchungen beziehen sich auf Westdeutsche, die zwischen 1958 und 1965 geboren sind, sowie auf die Volks- und Berufszählung von 1970 und den Mikrozensus 1993. Neben der Bildung beeinflussen auch Berufszugehörigkeit, Alter oder Entfernungen die Entscheidung. (dpa)

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