"Das Schmieröl der Beweglichkeit"

22. Jänner 2007, 16:43
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Ein Mangel an Dopamin ist für die motorischen Symptome bei Parkinson verantwortlich - Neurologe Werner Poewe über die Krankheit im derStandard.at-Interview

In Österreich leiden rund 20.000 Menschen an Morbus Parkinson. Es handelt sich dabei um eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Durch den Verlust von Nervenzellen entsteht ein Mangel an körpereigenem Dopamin, was Beweglichkeitseinschränkungen zur Folge hat.

derStandard.at: Woher kommt die Bezeichnung "Schüttellähmung"?

Poewe: Das ist eine Übersetzung des ursprünglichen Aufsatztitels von James Parkinson im Jahre 1817 als er über seine Beobachtungen an sechs Kranken berichtet hat und deren Übereinstimmungen im Beschwerdebild hervorhob. Er nannte den Artikel "An Essay on the Shaking Palsy", "shaking palsy" bedeutet Schüttellähmung.

Es ist ein rein historischer Begriff, der auch heute nicht mehr oft verwendet wird. Inhaltlich ist der Begriff nicht richtig, da es bei Parkinson zu keinerlei Lähmungserscheinungen kommt. Wir wissen heute, dass es zu einer Bewegungverlangsamung kommt, die zu mühevollen Bewegungsabläufen führt. Typisch ist der kleinschrittige Gang und die Starre der Gesichtsmuskulatur.

derStandard.at: Parkinson ist einer der häufigsten neurologischen Erkrankungen – was passiert dabei im Gehirn?

Poewe: Sehr viel. Es kommt zu einem Nervenzellenverlust, einer so genannten Neuro-Degeneration in verschiedenen Hirngebieten. Im Zentrum steht der Verlust von Dopaminzellen, Nervenzellen im Mittelhirn, im Hirnstamm, die den Überträgerstoff Dopamin freisetzen und damit die Voraussetzung für die willkürliche Bewegungen schaffen. Dopamin ist sozusagen das "Schmieröl" der menschlichen Beweglichkeit. Vorwiegend befinden sich diese Dopaminzellen in der schwarzen Substanz des Mittelhirns (Substantia nigra). Der Dopaminmangel bewirkt Bewegungsstörungen, inklusive dem charakteristischen Zittern des Parkinson-Kranken.

Das Zittern, so bekannt und namensgebend (Schüttellähmung) es auch ist, betrifft nur 70 Prozent der Parkinson-Patienten. Da aber auch andere Gehirnareale mitbeteiligt sind, findet sich noch eine Vielzahl anderer Symptome neben den Bewegungsstörungen.

derStandard.at: Hauptursache ist also der Dopaminmangel?

Poewe: Für die Bewegungsstörung stimmt das. Andere Störungen der Parkinson Krankheit, wie zum Beispiel erniedrigter Blutdruck, verzögerter Stuhlgang, erhöhte Schmerzempfindlichkeit, Stimmungsstörungen bis zur Apathie und Verlust der Libido scheinen ihre Ursache in anderen Veränderungen des Zentralnervensystems zu haben.

derStandard.at: Was sind die typischen Erstsymptome dieser Erkrankung?

Poewe: Am häufigsten sind Bewegungshemmungen wie Steifheit oder Zittern einer Extremität. Arme sind häufiger betroffen als Beine. Typischerweise tritt Zittern zu Beginn immer einseitig auf. Manchmal wird es als inneres Zittern empfunden und ist nicht sichtbar. Bei manchen Betroffenen ist das Mitschwingen des Armes beim Gehen reduziert. Zunehmende Ängstlichkeit, Stimmungsschwankungen und eine von Angehörigen oftmals bemerkte Veränderung der Mimik sind häufig. Das Schriftbild verändert sich ebenfalls, es wird undeutlicher, kleiner.

derStandard.at: Was bedeuten Tremor, Rigor und Askinese?

Poewe: Das sind die drei Hauptsymptome. Sie betreffen die Beweglichkeit. Akinese ist die Bewegungsverlangsamung, Rigidität bedeutet eine zunehmende Starre der Muskulatur und der Tremor ist das unwillkürliche Zittern.

derStandard.at: In Zusammenhang mit dem Rigor hört man oft von diesem Zahnradphänomen. Was ist das?

Poewe: Beugt man den Unterarm des Betroffenen passiv auf und ab, so merkt man eine typische rhythmische Abstufung wie bei einem Zahnrad. Das liegt an der Kombination von Tremor und Rigor.

derStandard.at: Gibt es noch weitere Beschwerden beziehungsweise Symptome?

Poewe: Ja, die Stimme wird monoton. Durch die Akinese ist der Erkrankte nicht mehr in der Lage Knöpfe zu schließen, sich die Zähne zu putzen oder mit Messer und Gabel zu essen. Viele alltägliche Handgriffe sind betroffen.

derStandard.at: Kann der Arzt den Parkinson-Patienten am Gang erkennen?

Poewe: Die Schrittlänge des Parkinson-Kranken ist verkürzt, er hat ein trippelndes Gangbild. Häufig lässt sich ein vermindertes Pendeln der Arme beim Gehen beobachten. Der Verdacht auf Morbus Parkinson liegt bei diesem Gang nahe.

derStandard.at: Wie sieht die medikamentöse Therapie der Krankheit aus?

Poewe: Therapie erster Wahl ist die medikamentöse Behandlung. Hierbei versucht man das verminderte Dopamin zu ersetzen. Substitutionstherapie mit L-Dopa, einer Dopaminvorstufe oder Verwendung von Dopamin-Agonisten mit Wirkung an den Dopamin-Rezeptoren im Gehirn finden neben anderen Medikamenten ihre Anwendung.

derStandard.at: Gibt es Nebenwirkungen?

Poewe: Viele. Hauptnebenwirkungen beim L-Dopa ist die Blutdrucksenkung, die als Schwindel empfunden wird. Zu Beginn der Therapie ist Übelkeit ist eine häufige Nebenerscheinung. Müdigkeit tritt vor allem unter Anwendung der Dopamin-Agonisten auf. Im Extremfall kann diese enorme Schläfrigkeit tagsüber zu einem großen Problem werden.

derStandard.at: Gibt es neben der konservativen Therapie auch neuro-chirurgische Interventions-Möglichkeiten?

Poewe: Üblicherweise ist die medikamentöse Therapien über einen langen Zeitraum sehr erfolgreich. Allerdings gibt es nach jahrelanger Therapie speziell mit L-Dopa sogenannte Langzeitnebenwirkungen. Es treten unwillkürliche Überschussbewegungen, Dyskinesien auf. Diese zapplenden Unruhebewegungen stellen für den Betroffenen ein Problem dar und müssen oft im Sinne der Erkrankung in Kauf genommen werden. Ist dieser Nebeneffekt intolerabel, so ist die chirurgische Parkinson-Therapie ein möglicher Ausweg .

derStandard.at: Kann der Erkrankte selbst den Krankheitsverlauf beeinflussen oder verzögern?

Poewe: Ja, insofern, dass er sich an die vorgeschriebene Medikamententherapie hält. Das klingt banal, ist es aber nicht. Medikamenteneinahmen bis zu viermal täglich überfordern viele Erkrankte.

Zusätzlich kann der Betroffene rhythmische Bewegungsübungen trainieren. Hier nützt man die Lernfähigkeit des Gehirns um Strategien der Beweglichkeit zu ändern.

derStandard.at: Zehn Prozent der Erkrankten bekommen die Krankheit vor dem 40. Lebensjahr. Wenn ich Parkinson mit 30 bekomme, sieht der Krankheitsverlauf dann anders aus als bei älteren Menschen?

Poewe: Ja. Menschen, die Parkinson sehr früh bekommen, sprechen auf die Medikamente besser an als ältere Patienten. Sie sind auch für Nebenwirkungen wie Verwirrtheit viel weniger anfällig. Junge Menschen entwickeln außerdem kaum eine Einschränkung ihrer Gedächtnisleistung und Konzentrationsfähigkeit. Demenz scheint an das Alter gebunden zu sein. Dagegen kann die L-Dopa-Komplikation (Unruhebewegungen) bei jungen Mensche besonders rasch auftreten.

derStandard.at: Wenn ich Parkinson mit 30 bekomme, wie ist dann meine Lebenserwartung?

Poewe: Die Lebenserwartung ist nicht wesentlich reduziert, auch nicht bei alten Parkinson-Patienten. Lebensqualität ist mehr das Thema. Wie viele Jahrzehnte kann man bei früher Diagnose mit guter Lebensqualität rechnen? Man muss sagen, eigentlich sehr lange, in der Literatur 40 Jahre und mehr bei guter Therapie.

derStandard.at: Wie sehen Alters- und Geschlechterverteilung generell aus?

Poewe: Beide Geschlechter sind nahezu gleich häufig betroffen. Minimal überwiegen die Frauen. Bis zu zehn Prozent erkranken vor dem 40. Lebensjahr. Die Mehrzahl der Patienten erkrankt jenseits des 60. Lebensjahrs.

derStandard.at: Was sind die Ursachen für den Dopamin-Mangel?

Poewe: Fünf bis sechs Prozent der Parkinson-Erkrankungen scheinen genetisch bedingt zu sein. Beim Rest weiß man noch immer nicht, wie der Dopamin-Mangel entsteht.

derStandard.at: Wie wird die Krankheit diagnostiziert? Laut einer britischen Studie kommen 24 Fehldiagnosen auf 100 Parkinson-Diagnosen. Wie kommt der Arzt auf die richtige Diagnose?

Poewe: Fehldiagnose ist das falsche Wort. Die Studie, die Sie ansprechen, hat gezeigt welche der 100 Fälle von den Ärzten als Parkinson-Krankheit bezeichnet wurden. Nach dem Tod wurden die Gehirne untersucht und es zeigte sich, dass 76 Prozent an der klassischen Parkinson-Erkrankung litten. 24 Prozent hatten andere Parkinson-Formen. Insofern ist es keine Fehldiagnose. Es zeigt aber, dass es eine Reihe von sogenannten Parkinson-Syndromen gibt.

Erwähnenswert ist auch das Vorkommen sogenannter medikamenten-induzierter Parkinson-Syndrome. Vor allem in der Psychiatrie verwendete Dämpfungsmittel können hier beteiligt sein.

derStandard.at: Was versteht man unter einer akinetischen Krise? Wann tritt sie auf? Kann dieser Zustand zum Tod führen?

Poewe: Typischerweise verschlechtert sich der Zustand eines gut eingestellten Parkinson-Patienten plötzlich massiv. Vor allem in Zusammenhang mit Infekten, bei mehrtägiger ungenügender Flüssigkeitszufuhr und bei unwillkürlichem Absetzen der Medikamente kommt es zur Bewegungsunfähigkeit. Die Situation kann lebensbedrohlich sein, wenn nicht behandelt wird.

derStandard.at: Gibt es typische Begleiterkrankungen?

Poewe: Ein Drittel der Erkrankten hat Einbußen der Gedächtnisleistung bis hin zu Demenz. Weitere Probleme, die auftreten können sind Depressionen, erniedrigter Blutdruck, Ohnmachtszuständen, Verstopfung und bei Männern Potenzstörungen.

derStandard.at: Wie ist der typische Verlauf der Erkrankung? Wie ist die Prognose? Ist Morbus Parkinson heilbar?

Poewe: Nein, Parkinson ist nicht heilbar. Es ist aber die einzige neurodegenerative Erkrankung, die gut therapierbar ist. Viele Betroffene haben eine sehr gute Lebensqualität trotz ihrer Erkrankung.

derStandard.at: Woran stirbt der Parkinsonkranke?

Poewe: An den selben Ursachen, an denen letztlich Sie und ich versterben werden. Statistisch gesehen sind Schlaganfälle, Herzinfarkte und Krebs die häufigsten Todesursachen. Ausnahme ist die Lungenentzündung. Hier sind Parkinson-Patienten aufgrund einer Störung ihrer Schluckmotorik mehr betroffen. Durch Verschlucken können sie eine Aspirationspneumonie entwickeln.

Zur Person

Univ.-Prof. Dr. Werner Poewe ist Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie, Landeskrankenhaus-Universitätskliniken Innsbruck und Vorstand der Österreichischen Parkinson Gesellschaft

Links

Österreichische Parkinson Gesellschaft

Parkinson Selbsthilfe Österreich

Das Interview führte Marietta Türk

  • Artikelbild
    foto: poewe
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