Deutsche Börse umwirbt Borsa Italiana

4. Juli 2006, 15:50
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Frankfurter wollen sich mit Mailänder Börse stärken - Kritik an Zugeständnissen für Euronext - Bar-Offert bleibt unverändert

Frankfurt/Paris - Die neuen Zugeständnisse der Deutschen Börse im Übernahmegefecht um die Vierländerbörse Euronext sind am Dienstag in Politik und Wirtschaft auf Kritik gestoßen. Euronext wollte den überarbeiteten Vorschlag für eine neue europäische Superbörse zunächst nicht kommentieren.

Die Deutsche Börse beharrt inzwischen nicht mehr auf Frankfurt als Hauptverwaltung des geplanten neuen Unternehmens. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) kündigte angesichts des erneuten Nachgebens seine Unterstützung für das Projekt auf. Unterdessen wurde bekannt, dass die Deutsche Börse auch dem Handelsplatz in Mailand ein Angebot für einen Zusammenschluss unterbreiten will.

Aufsichtsrat "geht zu weit"

Koch sagte in Wiesbaden, die Kontrolleure der Deutschen Börse seien im Ringen um Euronext eingeknickt: "Aus der Sicht des Landes Hessen ist der Aufsichtsrat in dem permanenten Nachlegen von Zugeständnissen, das wir nun schon seit einigen Wochen erleben, eindeutig zu weit gegangen." Der Präsident der Frankfurter Industrie- und Handelskammer (IHK), Joachim v. Harbou, betonte am Dienstag, der Finanzplatz Frankfurt dürfe sich nicht unter Wert verkaufen: "Bei einer Fusion zu Lasten Frankfurts ist ein Domino-Effekt zu befürchten: Weitere Finanzdienstleister könnten abwandern."

Zugeständnisse

Das neue Angebot der Deutschen Börse sieht vor, die Zentralfunktionen des fusionierten Unternehmens auf Amsterdam, Frankfurt und Paris zu verteilen. Frankfurt bleibt zwar Dienstsitz des künftigen Vorstandschefs, allerdings wird der Aktienhandel in Paris angesiedelt sein. Zudem ist die Deutsche Börse bereit, das elektronische Handelssystem Xetra aufzugeben und stattdessen auf die Euronext-Handelsplattform NSC zu setzen. An den finanziellen Konditionen für eine Übernahme, die einige Analysten für entscheidend halten, soll jedoch festgehalten werden.

In französischen Medienberichten wurden die Überlegungen als "bescheidene Zugeständnisse" eingeordnet. Grundsätzlich ist die Deutsche Börse das größere Unternehmen, peilt aber eine "Fusion unter Partnern" an. Ihr Nebenbuhler ist die New York Stock Exchange (NYSE), die ebenfalls an Euronext interessiert ist und auch weiter als Favorit gilt. Der Frankfurter Börsenchef Reto Francioni gab sich dennoch optimistisch: "Interessengruppen aus ganz Europa sprechen sich eindeutig für eine Zusammenschluss von Euronext und Deutscher Börse aus", meinte er.

Schriftliches Angebot für Mailand

Die Superbörse solle zum Kern für weitere Zusammenschlüsse in der Branche werden. Die Frankfurter hätten aber bereits jetzt ein schriftliches Angebot an die italienische Börse in Mailand geschickt, berichtete die Zeitung "Il Messaggero" (Dienstag). "Darin steht schwarz auf weiß ein Vorschlag für eine Ehe mit Palazzo Mezzanotte (Sitz der Mailänder Börse)", hieß es. Der Präsident der Borsa Italiana, Angelo Tantazzi, und Vorstandschef Massimo Capuano hätten mit dem Aufsichtsrat vereinbart, so schnell wie möglich auf das Angebot aus Frankfurt antworten zu wollen. Ein Sprecher der Deutschen Börse wollte den Bericht nicht kommentieren, verwies aber auf eine offizielle Ankündigung, die Italiener kurzfristig als Partner gewinnen zu wollen. (APA/dpa)

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    Die Deutsche Börse hofft auf eine rasche Antwort aus Mailand.

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