Trentinische Lektionen

22. Juni 2006, 18:00
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Rudolf gesellte sich wieder einmal zu Guido Gluschitsch, um mit seiner Suzuki GSX-R 750 alles zu richten, was Stützräder hat

Es war etwa 2:00 Uhr früh, als im ersten Bezirk eine Suzuki GSX-R 750 zu brüllen begann. Ich kam gerade aus einem Lokal, in dem ich meine hoch geschätzte Lektorin mit Wein gütlich zu stimmen versuchte. Ein Ausgleich für die Qualen, die sie durch meine Texte ständig erleidet. Sinnlos zu erwähnen, dass es, als es ums zahlen ging, ich bemerkte, dass ich kein Geld eingesteckt habe.

Etwas später rolle ich, schon reichlich müde, den Rennweg hinunter. "Das kann es jetzt aber auch nicht sein. Da sitze ich auf einem der schärfsten Eisen und rolle auf einer menschenleeren Straße mit 40 km/h herum." Schoss es durch meinen Kopf, kurz bevor ich eine leichte Bewegung mit der rechten Hand ausführte. Die "Siemahoiba" brüllte und schoss los. Ich schloss den Gashahn wieder so schnell, wie ich ihn aufriss. Wenige Meter weiter deutete mir, mit einer roten Laterne, ein Exekutivorgan, dass er gerne mit mir reden wollte.

"Na das hab ich eh gut gemacht, hm?" sagte ich. "Was wollen S’? Sie haben sich eh lang gehalten. Wäre sich fast ausgegangen." Er checkte die Papiere und meinte: "Da tun wir jetzt nicht lang herum: 21 Euro." Ich ließ mir noch sagen, wo der nächste Bankomat steht. "Aber fahren S’ von hinten um den Block, weil wenn S’ da vorne links abbiegen, müssen S’ gleich mehr abheben."

Am nächsten Tag verluden Rudolf und ich die "Gixxen" neben seiner 10er auf einen Anhänger und fuhren ins Trentino, direkt an den Lago di Caldonazzo. Den Nachmittag feierten wir mit einer kleinen Runde im Val di Cembra unter dem Motto "Gewöhnen ans Gerät" – den Abend mit der Tourplanung für den nächsten Tag.

Nach dem Frühstück nahem wir den Passo di Giao in Angriff. Wir standen an einer Baustellen-Ampel hinter vier Motorrädern mit italienischen Kennzeichen. Darunter eine 996 Ducati, die ziemlich böse aussah und drei Nackerte von 600 bis 900 ccm. "Na Rudi, gehst spielen?" fragte ich rüber. "Is eh klar", grinste er zurück. "Passt. Wir treffen uns oben", lachte ich jetzt schon die Gedemütigten aus. "Wird ein irres Schauspiel. Schade, dass ich es nach der ersten Kurve nicht werde sehen können."

"Nix da, du Depp!" herrschte mich Rudolf an, "Die sind ja keine Aufgabe. Sitzt eh auf einer scharfen Waffe. So herumnudeln kannst nicht einmal du, dass dich die Gixxen nicht rausreißt."

Die Ampel schaltet auf grün um. Die Motoren werden gestartet und wir fahren hinter den vier Italienern durch die Baustelle. Als die Asphaltdecke endlich wieder zur Gänze geschlossen ist, legen die Burschen vor mir los.

Ich drehe im ersten Gang hoch und merke, wie die Suzuki vorne leicht wird. Ich schalte rauf auf die Dritte. Auf der Geraden gilt es nämlich nicht. Weil auf der Geraden haben die nackerten 600er nicht einmal einen Hauch des Schimmers einer Chance, der Suzuki etwas entgegenzuhalten. Aber wir müssen nicht lange warten und das Kurvengewühl fängt an.

Rudolf bremst die erste Rechts so spät an, dass er am Kurvenscheitel Numero Uno schon erledigt hat. Ich bremse weit früher, weil wer weiß, wie der Kerl auf den Schlag mit dem Fehdehandschuh mitten ins Gesicht reagieren würde. Er ist Demütigungen anscheinend schon gewohnt, fährt seine Linie weiter und ich mache die Bremsen wieder auf, geh früh ans Gas und vollstrecke außen. Numero Due und Numero Tre sind auch nicht wirklich eine Aufgabe.

Allein die Ducati wehrt sich ein wenig. Klar ist das nichts, womit sich der Rudolf aufhalten würde, aber ich muss schon den Säbel zwischen die Zähne nehmen. Da ist es schon ein Glück, dass ich echt heiße Ware ausgefasst habe. Gut zu dosierende Bremsen, die zupacken wie die Beißer vom Rudolf bei einer Bosna vom Herrn Wolfi. Das ermöglicht mir ein spätes Anbremsen.

Aber ich habe keine Chance zu vollstrecken. Der Schuft macht sich breit wie der besagte Herr Wolfi, wenn der Rudolf ohne zahlen wieder gehen will. Am Kurvenausgang reiße ich das Gas auf. 150 Pferde vernichten den Abstand zur Ducati. Da wächst kein Gras mehr. Wie wenn der Herr Wolfi dem Rudolf eine knallt, weil er beim Zahlen, ob seiner Müdigkeit wieder ein wenig Halt sucht und sagt "Nur ein bisserl kuscheln..."

"Bei der Rechtskurve da vorne werde ich außen antragen und dann reinziehen.", nehme ich mir vor und tu es auch. Beim Anbremsen rutsche ich mit meinem zierlichen Popscherl ein wenig in Richtung Kurveninnenseite, Knie ein Stück raus und ziehen. Die GSX-R fährt sich wie auf Schienen ... wenn man sie lässt. Wer allerdings den Hang dazu hat, am Lenker zu ziehen, wird durch das direkte Ansprechverhalten schnell bestraft. Nein, sie ist nicht kippelig, man muss sie nur richtig fahren.

>>>Jö, schau ...

Die Straße auf den Passo di Giao ist schlecht, die Kehren sehr eng. Kurzum, wir befinden uns nicht in der Lieblingsumgebung der Suzuki. Das Motorrad gibt so viel Feedback, dass dies bei gebrochenen Straßen schon unangenehm werden kann. Alles will man dann ja auch nicht wissen. In den sehr engen und spitzen Kehren muss ich sie überhaupt durchtragen. Sieht sicher unendlich peinlich aus. Anbremsen, Knie raus, und fast aufrecht durch die Kehre. Aber am Ring ist die GSX-R bestimmt die Königin, wenn sie sich von 1000ern auf der Geraden und von den 600ern selbst in engen Kurven nicht abhängen lässt.

Wir verlassen den Passo di Giao, weil mir Rudolf unbedingt das Ghertele zeigen will. Zwischen den beiden Strecken gibt es eine längere Ortsdurchfahrt, die von sehr langsam rollenden Autos okkupiert ist. Ich schere aus und fahr zwischen den Kolonnen durch. Rudolf muss schon vor ein paar Minuten hier durchgefahren sein. Allzu lange will ich ihn auch nicht warten lassen.

Am Ende der Autoschlange bewegt sich plötzlich etwas. Jö, ein Carabinieri – und gleich hinter ihm ein Zweiter. Und wie mir der lieb winkt. Also geselle ich mich zu einem Plauscherl mit den beiden Herren. Aufopfernd erklären sie mir, was eine Sperrlinie ist und auf welcher Seite man zu fahren habe. Dann reden wir noch über Geschwindigkeiten in Ortschaften.

Ich erkläre, dass ich verstanden habe, was sie mir zu verstehen geben wollen, als einer der beiden seinen Rundgang um die Siemahoiba unterbricht, auf meinen Hinterreifen zeigt und meint: "Da ist ja gar kein Profil drauf!?" Ohne hinzusehen sage ich: "Ja, ich weiß, es ist schon ein bisserl wenig ...", sehe hin und muss gestehen, "ja, wirklich, da ist ja nichts mehr drauf."

Mein Telefon läutet: "Wetten, du Depp stehst bei den Carabinieri? Hab ich gleich gewusst, wie an mir nur mehr grinsende Autofahrer vorbeigekommen sind."

Dann beginnt die Amtshandlung. Führerschein, Fahrzeugpapiere. Alles wird genau studiert. Dann die Prüfungsfragen: "Wie viele PS hat sie?" – "150." "Und geht sie auch gut?" – "Naja, bei dem Drehmoment von 86,3 Nm geht schon was weiter, na was glaubst!" "Wo fährst du jetzt noch hin?" – "Richtung Ghertele. Wir brauchen noch ein paar Fotos für die Geschichte." "Kann man die online lesen?" – "Ja, klar." "Schickst du uns den Link?" – "Aber sicher." "Die ist ja ziemlich laut, mit dem kleinen Auspuff. Schaut ja gut aus." –"Ja, sie ist sehr laut. Deswegen fahr ich ja auch mit ... come si dice Ohrenstoppel in italiano? ... Der kurze Auspuff unter dem Motor hat den Vorteil, dass der Schwerpunkt vom Motorrad sehr tief ist. Das macht das Motorrad stabiler. Ein enormer Vorteil in den Kurven." "Und wie fährt sie sich?" – "Die GSX-R ist wirklich genial. Das perfekte Sportgerät für die Rennstrecke. Auf Landstraßen wie hier möchte ich kein anderes Radl fahren. Von sehr engen Kehren einmal abgesehen. Wie man damit durch die Stadt fliegt, hab ich ja bewiesen."

Unsere Unterhaltung wird unterbrochen, weil vor uns eine rote 10er Kawasaki vorbeirollt. "Ich wart bei der Tankstelle auf dich" und Rudolf ist auch schon wieder weg. Er hat schon wenig Profil auf den Reifen und will nicht auch noch zahlen. Dabei, was einer der beiden Carabinieri gerade schreibt, ist nicht ein Strafzettel, sondern seine E-Mail-Adresse.

"Wer war er? Dein Freund?" – "Ja. Er wird bei der Tankstelle auf mich warten." "Und warum ist er nicht stehen geblieben? Ist er ein großer Feigling oder ein kleiner Rossi?" (Text & Fotos: Guido Gluschitsch, derStandard.at, 21.6.2006)

Suzuki GSX-R 750

Preis: EUR 13.299,-

Motor: 4-Zylinder in Reihe, 16V, Hubraum 750 ccm. Leistung 110 kW/150 PS bei 13.200 U/min. Max. Drehmoment 86,30 Nm bei 11.200 U/min. Antrieb 6-Gang, Kette. Bremsen: Zwei Scheiben vorne, eine hinten. Sitzhöhe 810 mm. Trockengewicht 163 kg. Tank 16,5 l. Top-Speed ca. 280 km/h.

Link
Suzuki

  • Keine Angst, der will nur spielen: Guido Gluschitsch und die GSX-R 750 (links)
    foto: gluschitsch

    Keine Angst, der will nur spielen: Guido Gluschitsch und die GSX-R 750 (links)

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