Vergnüglicher Hindernislauf

19. Juni 2006, 21:02
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Rossinis "L'Italiana in Algeri" an der Staatsoper

Wien - Olga Borodina hätte als Isabella in Rossinis heiterem Geschlechterkampf ihr Staatsoperndebüt geben sollen. Vor der Vorstellung ließ Direktor Holender jedoch ansagen, es sei "eine Atmosphäre entstanden, die die Staatsoper von einem Engagement Abstand nehmen ließ". Nicht nur für diese Vorstellung, sondern auch für zukünftige Abende. Egal. Agnes Baltsa sprang ein, trotz Beinverletzung war sie unnachahmlich; und auch Juan Diego Flórez (hatte Bronchitis) ließ an Raffinesse nichts zu wünschen übrig.

Ponnelles Inszenierung wie Ausstattung entführen fantasievoll in das orientalische Ambiente für die kecke Lektion, die Isabella treffend formuliert: "Bei uns ist es so, dass die Frauen die Männer erziehen." Das tut Baltsa köstlich. Da genügt ein Blick bei der Erstbegegnung mit dem ungeschlachten Mustaf`a, und das Ausmaß ihrer Aufgabe ist heiter klar: Kristinn Sigmundsson stellt Tante Joleschs Vergleich zwischen Mann und Primat dröhnend unter Beweis, sorgt im Pappataci-Terzett für brodelnde Heiterkeit.

Mag der Baltsa mancher Registerwechsel auch nicht ganz geschmeidig gelingen - mit jedem Ton, jeder Geste ist sie eine faszinierende Isabella. Ihr Lindoro, Juan Diego Flórez, hätte keiner Ansage bedurft. Elegant und spielfreudig schüttelt der Tenor die Koloraturen aus der Kehle.

Ganz in seinem komödiantischen Element ist auch Alfred Sramek als tapsiger Taddeo, heldenhaft "männlich" zwischen Liebe und praktischen Überlegungen hin und her gerissen. Manch praktische Gegebenheit gilt es für Bori Keszei (Elvira) und ihre Sklavin Zulma (Michaela Selinger) zu überwinden. Komödiantisch wunderbar ins Ensemble passend, können sich ihre zarten Stimmen jedoch oft nicht ausreichend Gehör verschaffen.

Entgegenkommen aus dem Graben wäre galanter gewesen, im Großen zeigt sich das Orchester unter Maurizio Benini aber von seiner adretten Seite. Dem Chor hingegen stehen wohl die drallen Bäuche als Eunuchen im Wege und ziehen manch schleppende Note nach sich. Am Ende aber ist versöhnlich klar, wer im Lauf der Welt den Ton angibt. Ein vergnüglicher Abend! (DER STANDARD, Printausgabe, 20.6.2006)

Von Petra Haiderer
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