Gedankenblitz für ein Omelett

19. Juni 2006, 20:18
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Heiner Goebbels' "Eraritjaritjaka" im Wiener Museumsquartier: Eine famose Canetti-Meditation

Wien - Der erst sehr spät mit dem Literaturnobelpreis geehrte Elias Canetti verfehlte in seinen zahllosen, mit penibel gespitztem Blei in schmucklose Hefte eingetragenen Aufzeichnungen sozusagen das Entscheidende: den "Nachtrag" eines Werks, das sich zugunsten von Aphorismen, von Möglichkeitssätzen, von Versuchsskizzen zusehends in ein Nebulöses aufgelöst hatte.

Und doch: Wer auf den "späten", den Zürcher Canetti blickt, sieht einer Schaltzentrale beim Herstellen von für undenkbar gehaltenen Gedankenverbindungen zu. Allein dieses Huschen, dieses niemals ganz zu bannende Verfertigen sensationeller (und zugleich alltagstrivialer) Einsichten muss den Frankfurter Allrounder und Musiktheatermacher Heiner Goebbels zu seiner famosen Canetti-Meditation Eraritjaritjaka regelrecht gereizt haben. Wir notieren: Das Théatre Vidy-Lausanne weilt zu Gast in Wien.

Und im Museumsquartier klingen die (szenischen) Festwochen nicht weniger als beglückend aus: im kontrollierten Klangrasen eines Streichquartetts (The Mondriaan Quartet), das die soignierten Trippelkünste eines melierten Monsieurs (André Wilms) mit der brodelnden Lava der Moderne übergießt. Monsieur spricht Französisch.

Er entledigt sich diverser Canetti-Sätze im grauen Dreiteiler mit der schon ein wenig bruchknochigen Eleganz eines Sentenzen-Polierers. Eine Figur aus dem vergangenen Jahrhundert, als in Paris, der Welthauptstadt der Moderne, die zornigen Mystiker als Blitzschleuderer über unsere Zivilisation zu Gericht saßen: Bataille, Klossowski, E. M. Cioran. Und wir erinnern uns: Heiner Goebbels ist eine Gestalt der Postmoderne, der 1980er-Jahre zumal, die in labyrinthischen Verweisen die Bestandteile einer in Auflösung begriffenen Avantgarde verblüffend neu montiert hat.
Ein Umschnappkünstler also: einer, der Canettis Satz-Sprünge in Zustände hinüberkippt. Der Herrn Wilms aus der Halle E hinausschickt, um ihn in Begleitung einer Handkamera sehr Dogma-verdächtig durch die Gassen des siebten Wiener Gemeindebezirks zu jagen, wo Monsieur eine Treppe erklimmt, sich in einer etwas abgeschabten Dichterwohnung an einem selbst verfertigten Omelett labt und STANDARD-lesend das verwaiste Canetti-Erbe rettet. Sich Sätze vorkäut wie: "Den Rest des Lebens nur an ganz neuen Orten verbringen!" Eraritjaritjaka heißt: Sehnsucht fühlen.
In Wirklichkeit war Wilms wahrscheinlich nie ganz weg gewesen. Hatte sich an Ravel-Tönen delektiert, während auf der Bühne die Fassade eines Pappendeckelhauses als Filmleinwand gedient hatte. In Wahrheit ist der Dichter gar nie ausgezogen gewesen - und die in musikalisches Neuland ausgreifende Moderne war die ganze Zeit ganz bei sich zu Hause. Lausanne grüßt Wien! Letzteres jubelte nachvollziehbar. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.6.2006)

Von Ronald Pohl
  • Artikelbild
    foto: festwochen/mario del curto
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