Epidemisches Grazer Opernfieber

19. Juni 2006, 19:58
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Eine optisch und musikalisch gleich beeindruckende Aufführung von Umberto Giordanos Edelschnulze "André Chénier"

Das Grazer Publikum stürmt und bejubelt das Opernhaus derzeit zu Recht stürmisch.


Graz - Dass eine Repertoirevorstellung schon Tage im Voraus ausverkauft ist, gehört in Österreichs Bundesländern - und sogar auch in Wien - nicht zum geläufigen Theateralltag. Den Ausnahmsfall liefert diesmal das vollgepferchte Grazer Opernhaus, wo sich die Fans der italienischen Oper im meteorologisch bedingten Schweiß (nicht nur) ihres Angesichts an Umberto Giordanos saftigem André Chénier delektieren.

Warum das? Bei allem Respekt vor der Macht der Medien - ein paar wohlwollende Rezensionen können es doch nicht sein, die eine Opernproduktion über Nacht zum Publikumsmagneten machen. Da ist es schon nötig, dass die Kenntnis der Qualitäten einer Aufführung vor allem auch durch die seit Urzeiten bewährte Mundpropaganda folgenreich epidemisch wird.

Für den Ausbruch einer solchen Begeisterungsepidemie ist allerdings viel mehr nötig als hörens- und sehenswertes Musiktheater, das der Grazer Giordano-Abend zweifellos auch ist. Das Geheimnis dieses André Chénier dürfte jedoch in seiner bezwingenden Kraft liegen, mit der diese in mancher Beziehung Puccinis Tosca vorwegnehmende, in Text und Musik genial gefertigte Edelschnulze den Zuhörer- und schauer doch auf sehr private, wenn man möchte, sogar intime Weise berührt und betroffen macht.

Ließe sich das Geheimnis dieser Vorstellung lüften, wäre es wohl keines mehr. Zu seiner Erklärung gibt es nur punktuelle Annäherungen. Eine davon eröffnet zweifellos Christian Pöppelreiters Inszenierung - gute, alte Schule Felsenstein.

Regie-Dolmetsch

Er betätigt sich als Dolmetsch, der das pathetische Palaver der Protagonisten durch viele kleine gestische Details und mit mutig plakativer Anschaulichkeit gestaltete Situationen spontan und mühelos erlebbar macht.

Und dies ganz ohne platte Aktualisierungen. Die optische Sprache dieser Inszenierung ist so deutlich, dass jedem bei den von Hanna Wartenegg historisch eingekleideten Schergen der französischen Revolution ganz von selbst alles Grausliche von Gestapo, Stasi bis CIA einfällt.

Dies gelingt aber nur mit einem Ensemble, das den Mut hat, sich mit der nötigen Leidenschaft auf solches einzulassen. Daher ist der Grad, mit dem Julian Gavin in der Titelpartie, Galina Shesterneva als Madeleine und Boris Statsenko als Gérard dieses Konzept zu ständig interessierenden Leben erwecken, wohl der am meisten faszinierende Aspekt dieses Abends.

Voraussetzung zu derlei Effekten ist freilich auch die stimmliche Überzeugungskraft, über die Boris Statsenko mit seinem farbenreichen Bariton auf geradezu dominante Weise, Julian Gavins manchmal etwas angestrengt wirkender Tenor und Galina Shesternevas technisch bestens beherrschter Sopran überzeugend reichlich verfügen. Besonders dann, wenn sich diese Leidenschaft zur Intensität auch bis ins Orchester fortsetzt, dass unter der Leitung von Wolfgang Bozic ein wahres Feuerwerk an Italianitá von Stapel lässt.

Der doppelte Koßdorff

Den Schauplatz zu all dem liefert Jörg Koßdorff auf zweifache Weise. Zunächst durch die pittoreske Tristesse der einprägsamen Schauplätze, die er als Bühnenbildner dazu entworfen hat. Aber auch in einem weiteren Sinn als mit dem seltsamen Titel "geschäftsführender Intendant" etikettierter Chef des Hauses.

Als solcher hat er mit der diesem André Chénier vorangegangenen Produktion von György Ligetis Le Grand Macabre sehr glaubhaft nachgewiesen, dass die Pflege des zeitgenössischen Musiktheaters für ihn nicht nur ein lästiges Alibi darstellt. Nicht umsonst zählt er schon seit Jahren zu Peter Konwitschnys Leib- und Seelenbühnenbildnern.

Diese Arbeit am zeitgenössischen Musiktheater und für dieses macht ihn auch für dessen künftige Entwicklung zuversichtlich. So sehr, dass er mit der Grazer Musikuniversität eine Zusammenarbeit angebahnt hat, innerhalb derer Studierende der Kompositionsklasse ein Auftragswerk erstellen sollen.

Das erste Resultat dieser Kooperation gelangt schon im kommenden Jahr an der Grazer Oper zur Uraufführung. In deren Vorbereitung soll der Komponist Gelegenheit erhalten, sich mit der harten Wirklichkeit des professionellen Musiktheaterbetriebes vertraut zu machen.

Für das Jahr 2008 plant Koßdorff mit dem steirischen herbst die Übernahme der Oper Melancholia, die Gerard Mortier bei Georg Friedrich Haas (Libretto von Jon Fosse) für seine Bastille-Oper in Auftrag gegeben hat. Allein, das schöne Projekt ist finanziell noch nicht gesichert. Mit einem knappen Budget von rund 23 Millionen Euro, von denen 17 für Gehälter und Honorare aufgehen, und mit der berechtigt schwachen Hoffnung auf irgendeine Sondersubvention seitens der öffentlichen Geizigenhand ist die Melancholie bisher noch eher als realer Gemütszustand denn als Operntitel angesagt. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.6.2006)

Von Peter Vujica
  • "André Chénier" an der Grazer Oper: Lebendiges Musiktheater auch mit Tenor Julian Gavin.
    foto: theater graz/andré chenier

    "André Chénier" an der Grazer Oper: Lebendiges Musiktheater auch mit Tenor Julian Gavin.

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