STANDARD-Interview: "Wir wollen AKW-Sicherheit verbessern"

26. Juni 2006, 14:54
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Forschungskommissar Janez Potocnik verteidigt die Euratom-Förderungen für Nuklearkraftwerke und die umstrittene Stammzellenforschung in der EU

Wien - In Wien begann Montag die EU-Luftfahrtkonferenz "Aeronautic Days 2006". Im kommenden 7. EU-Forschungsrahmenprogramm, für das Kommissar Janez Potocnik verantwortlich zeichnet, werden die Mittel für die Luftfahrt deutlich erhöht. DER STANDARD sprach mit Potocnik am Rande der Konferenz auch über zwei umstrittene Themen, die das EU-Parlament kürzlich mit dem neuen Forschungsrahmenprogramm beschlossen hat: Verlängerung der Förderungen für embryonale Stammzellenforschung und Euratom-Programm.

STANDARD: Bei der Euratom-Förderung geht es auch um mehr Kraftwerkssicherheit für herkömmliche Kernspaltungsreaktoren. Die Österreicher sind dennoch sehr skeptisch, können Sie das nachvollziehen?

Potocnik: Man muss die Befürchtungen der Bürger immer verstehen, am Ende des Tages haben die Menschen Recht. Wir versuchen ein realistisches Bild zu Euratom zu zeichnen und die wirklichen Gefahren aufzuzeigen.

STANDARD: Der endgültige Beschluss des Forschungsrahmenprogrammes im Rat verzögert sich allein wegen der Wiener Widerstände gegen Euratom. Im Herbst muss er fallen, da stehen in Österreich aber Wahlen an.

Potocnik: Ich hoffe, das wird möglich sein. Europa muss weiterkommen. Ich möchte jedenfalls nicht, dass die Euratom-Agenden vom Forschungsrahmenprogramm getrennt werden. Von den 54 Milliarden Euro im 7. Forschungsrahmenprogramm sind vier Milliarden für das Euratom-Programm reserviert. Davon wird der Löwenanteil für die Kernfusionsforschung verwendet. Der Großteil des Rests geht in Sicherheits- und Abfallmanagementprojekte, auch für die kommende vierte Kernspaltungs-Reaktorgeneration. Das wurde von allen Mitgliedstaaten im Rat beschlossen. Dadurch wird aber keinem Land vorgeschrieben, welche Energiequellen es zu benutzen hat.

STANDARD: Genau auf der Förderung dieser neuen Reaktorgeneration scheinen die Missverständnisse in Österreich zu beruhen.

Potocnik: Wir wollen die Sicherheit und das Abfallmanagement dieser AKWs verbessern. Gebaut werden sie so oder so. Verglichen mit den älteren Reaktoren sind sie sehr viel sicherer und sparsamer. Das reduziert das Atommüllproblem, das wir jetzt schon haben und mit dem wir jetzt umgehen müssen. Diese Realitäten nicht anzuerkennen ändert am Gesamtbild nichts.

STANDARD: Zur Forschung mit embryonalen Stammzellen: Der Vatikan hat Sonntag scharf gegen die vergangene Woche beschlossene Förderung protestiert. Was entgegnen Sie?

Potocnik: Ich habe tiefen Respekt für jede persönliche Meinung zum Problem. Wir haben einen verantwortlichen, vorsichtigen und praktikablen Zugang dazu: Embryonale Stammzellenforschung ist unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Wir schreiben etwa Alzheimer-Forschungsprojekte aus, die mit solchen Stammzellen gemacht werden können. Die Eingaben prüfen unabhängige Forscher auf ihre wissenschaftliche Sinnhaftigkeit, es gibt eine ethische Evaluierung auf europäischer Ebene, dann stimmt ein Komitee der Mitgliedstaaten über das Projekt ab. Schließlich muss auch der Ethikrat jenes Landes zustimmen, in dem das Experiment durchgeführt werden soll. Dieser Weg erfordert also Konsens in 25 Staaten, die sehr unterschiedliche Meinungen zum Thema haben.

STANDARD: Wie viele Projekte wurden bisher genehmigt?

Potocnik: Es waren bisher acht Projekte, von denen allerdings einige zu einem sehr kleinen Teil mit embryonalen Stammzellen durchgeführt werden.

STANDARD: Übertrifft der Nutzen dieser wenigen Projekte tatsächlich die ethischen Bedenken? Die Kirchen sprechen von der Instrumentalisierung menschlichen Lebens.

Potocnik: Wir kennen die Antworten der Zukunft nicht und wissen nur, dass dies einer der vielversprechendsten Wege in der Gesundheitsforschung ist. Also schlagen wir ihn ein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 6. 2006)

Das Interview führte Christoph Prantner

Zur Person:
Janez Potocnik, 48, ist studierter Ökonom und war slowenischer Europaminister. 2004 wurde er zum EU-Kommissar für Wissenschaft und Forschung bestellt.
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