Asghars Furcht um die neue Heimat

23. Juni 2006, 07:57
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Asghar Hashemi, der mit 14 Jahren aus Afghanistan flüchtete, fand in Österreich ein neues Zuhause - Trotz Adoption droht ihm jetzt Ausreisezwang

Wien - Die Kollision mit den abweisenden Paragrafen hat bei Asghar Hashemi (18) den ganzen Albtraum seiner Flucht wieder aufleben lassen: Wie er Afghanistan mit nur 14 Jahren verlassen musste, weil seine Eltern bei einem Bombenangriff umgekommen waren und sein Cousin mit der Sorge um ihn allein dastand.

Wie ihn ein Schlepper, der mehr Geld aus ihm herauspressen wollte, schlug. Wie er nach einem Zusammentreffen mit Soldaten an der iranisch-türkischen Grenze eine Flüchtlingsgruppe verließ und einfach weiterging, allein, in der Nacht, in den tief verschneiten Bergen.

Das Gefühl der Todesangst in dieser Kälte und Fremde kam in ihm wieder hoch und das Gefühl beklemmender Enge unter Lkw-Planen, als Schmuggelware Mensch - so stark, dass schwer darüber sprechen war. Also setzte er sich nieder und griff zum Kugelschreiber: "Ich habe eine ganz schlechte Vergangenheit gehabt. Wenn ich jemandem darüber erzählte, sagte der: 'Bitte hör auf, sonst weine ich'", brachte er zu Papier.

Lesen und Schreiben

Schreiben kann Asghar seit vier Jahren, Schreiben und Lesen auf Deutsch. In seiner Muttersprache beherrscht er die grundlegenden intellektuellen Kulturtechniken nicht: In Afghanistan unter dem Terrorregime der Taliban durfte er keine Schule besuchen. Stattdessen - so erzählt er - habe er ab neun Jahren in der Landwirtschaft gearbeitet. Immerhin besser, als "von Milizen aus der Wohnung gezerrt zu werden, weil man 'schon eine Pistole halten'konnte".

"Ich habe es fast geschafft, das alles zu vergessen - mit Hilfe der Familie", schreibt Asghar. Die Familie, das sind Maria (55) und Attila (67) Kovacs aus Wien, deren fünf Kinder und fünf Enkel. Sie haben den seit 2001 in Österreich lebenden, damals minderjährigen Flüchtling 2004 über den Verein Kids Aid kennen gelernt, unterstützt und im Jänner 2006 adoptiert.

"Traumberuf"

Sie haben mit ihm Deutsch gelernt, für den Hauptschulabschluss gepaukt und haben ihm eine Lehrstelle als Orthopädieschuhmacher organisiert: Der "Traumberuf"des strebsamen jungen Mannes, der unter der Woche derzeit täglich von acht bis 17 Uhr in die Berufsschule lernen und in "seine" Firma arbeiten geht.

Diese neue Sicherheit ist seit mehreren Monaten schwer gefährdet. "Im Jänner 2006 war Asghars Adoption behördlich abgeschlossen. Da er jetzt unser Sohn war, wollten wir für ihn eine Niederlassungsbewilligung als Angehöriger beantragen", schildert Adoptivmutter Maria Kovacs. Auf der zuständigen Wiener MA 20 jedoch habe es geheißen, "dass in Fällen wie seinem die Inlandsantragstellung mit dem neuen Fremdenpaket seit Jahresbeginn verboten worden ist. Er müsse Österreich verlassen, das Ansuchen aus dem Ausland stellen - und im Ausland auf den Ausgang des Verfahrens warten."

Österreich verlassen? Asghar muss erst tief Luft holen. "Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen", sagt er dann. In Afghanistan habe er niemanden mehr, selbst der Kontakt zum Cousin sei abgebrochen. Außerdem: "Was würde dann mein Chef in der Arbeit machen?"Zur Vorstellung eines erzwungenen Weggehens fällt dem 18-Jährigen nur ein: "Ich müsste mich umbringen."

Auch rein rechtlich fiele Asghar eine Ausreise, wie das Niederlassungsgesetz sie verlangt, schwer: Er hat keinen Pass, da er als Flüchtling ohne Papiere ins Land gekommen ist und hier um Asyl angesucht hat; der Antrag wurde abgelehnt. Den Pass müsste der junge Mann bei der afghanischen Vertretung in Wien beantragen. Doch dann würde er sein vorübergehendes Recht auf Aufenthalt in Österreich verlieren und wahrscheinlich abgeschoben: Wer von seinen Verfolgern ein Papier ausgestellt bekommt, gilt für die Asylbehörden nicht mehr als verfolgt.

Maria Kovacs windet sich in diesen gesetzlichen Fallstricken: "Das ist absurd, Asghar gehört jetzt zu unserer Familie!" Für Wahid - einen weiteren Flüchtling, den die Kovacs' 2004 als Minderjährigen adoptiert haben - sei die Niederlassungsbewilligung problemlos ausgestellt worden.

Verfassungsbedenken

Damals hätten auch "die neuen Fremdengesetze mit ihren wahnwitzigen Folgen" noch nicht existiert, erklärt dies der Wiener Anwalt Georg Bürstmayr. Dass der Zwang zum Aufenthaltsantrag aus dem Ausland am Beispiel Asghars verfassungskonform ist, kann er sich nicht vorstellen - "da der Bursch dadurch Gefahr läuft, seinen Abschiebeschutz zu verlieren".

Möglicherweise jedoch wird der junge Afghane von sich aus auf den Niederlassungsantrag verzichten. Tsvetelina Kowatschew, Beauftragte für humanitäre Angelegenheiten der MA 20, erklärt, warum: "Mit einem Aufenthaltstitel als Angehöriger dürfte er nicht mehr arbeiten."Asghar müsste seine Lehre aufgeben.

Ein untätiger Adoptivsohn nun ist für Maria Kovacs eine Schreckensvision. Und nicht nur das: All die gemeinsamen Anstrengungen für nichts - das Schreiben-, das Deutschlernen, der Hauptschulabschluss nur vier Jahre nach der Alphabetisierung, das Engagement im Beruf? "Wie kann man Integrationswillen besser zeigen?", fragt sie sich. Und ihr kommt der Gedanke: "Die neuen Fremdengesetze sind nicht fehlerhaft, sondern Teil eines wohl überlegten Systems, welches den Einzelnen mutlos machen soll." (Irene Brickner, DER STANDARD-Printausgabe, 20.06.2006)

  • Über seine Angst vor erzwungener Ausreise schreibt Asghar Hashemi lieber, als darüber zu reden.
    foto: christian fischer

    Über seine Angst vor erzwungener Ausreise schreibt Asghar Hashemi lieber, als darüber zu reden.

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