Der Rücktritt des Tanzlehrers

19. Juni 2006, 18:31
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Peter Menasse wünscht sich, dass Zidane nicht aufhört. Der war doch immer schon alt

Zinédine (Französisch für "schwebend") Zidane (Französisch für "tanzen"), genannt Zizou, war, kaum erwachsen, schon ein alter Mann. Das ist so mit uns Glatzköpfen. Old, tired and miserable, wie mein Vater zu sagen pflegte. Zizou jedoch ist mit klarem Abstand der Älteste unter uns Alten, ein Meister der zelebrierten Müdigkeit.

Er hastet niemals wie die jungen dynamischen Spunde, sondern tanzt schwebend mit dem Ball, als ob er seine Kraft schonen wollte. Er läuft andauernd und scheint sich doch nicht zu bewegen. Manchmal steht er da, fast stoisch, sucht in Ruhe nach einer Anspielstation, lässt einen herbeieilenden Gegner mit einer kleinen, unmerklichen Bewegung ins Leere fahren, blickt nochmals auf und macht dann den Pass zu einem Mitspieler durch eine Menschenlücke, die es eben noch nicht gab und die keiner außer ihm gesehen hatte. Oder er schießt den Ball ins Tor, und es schaut leicht aus und macht alle froh, bis auf den Tormann.

Unlängst hat Zidane mitgeteilt, dass er nach der WM mit dem Fußball aufhören wolle. Und das ist überhaupt nicht in Ordnung. Er war doch immer schon alt, warum will er jetzt auf einmal zu alt sein?

Jemand muss ihn davon abhalten, seine Karriere zu beenden. Erzählt ihm die Geschichte des alten Mannes, der 1:6 verlor und dennoch der Held des Spiels war. Roger Milla schoss bei der WM 1994 in den USA als 42-Jähriger das Ehrentor gegen die hoch überlegenen Russen, wackelte an der Cornerfahne mit den Hüften, grinste vergnügt und stahl den jugendlichen Gegnern die Show. Schon bei der WM 1990 als 38-Jähriger war er zum Star geworden. Kamerun kam dank seiner vier Tore in die Zwischenrunde und schied erst im Viertelfinale gegen England aus. Wir liebten den alten Löwen und sind ihm bis heute dankbar.

Zizou, du hast noch vier gute Jahre bis dahin!

Erzählt dem alten Meister Zidane von Dino Zoff, der mit vierzig Jahren der bislang älteste Weltmeister wurde. Die Eleganz, an die wir uns erinnern, gibt es nicht in der Jugendzeit. Da braucht es Patina und Sicherheit. Am 23. Juni wird Frankreich gegen Togo gewinnen und Zinédine Zidane seinen 34. Geburtstag feiern. Mitspielen wird er nicht, weil er von einem ahnungslosen Referee ohne historischen Blick wegen eines Dutzendfouls die zweite Gelbe bekam.

Der alte Giaocomo Casanova aus dem Festwochen-Stück "Don Giovanni Komplex"sagt: "Wir sind so alt, wie uns die Menschen haben wollen."Zizou ist ein Weltkulturerbe. Wir wollen ihn weiterhin haben, alt, müde und genial. (DER STANDARD Printausgabe 20.06.2006)

Zur Person:

Peter Menasse, Kommunikationsberater in Wien und Chefredakteur des Magazins "NU"(www.nunu.at).

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