"Österreich ist viel besser aufgestellt als Deutschland"

7. Juli 2006, 11:50
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Europäischer Wirtschaftsforscher Heinemann sieht Standortvorteile und lobt österreichische Steuerstruktur

Mannheim/Wien – Deutschland müsste seine effektive Steuerlast für Unternehmen um mindestens zehn Prozentpunkte senken, um mit Österreich im Standortwettbewerb mithalten zu können. Diese Ansicht vertritt Friedrich Heinemann, Leiter des Forschungsbereichs Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Er hat gerade eine Studie zur steuerlichen Belastung der Gewinne von Kapitalgesellschaften erstellt.

Geringere Steuerlast "Österreich ist definitiv viel besser aufgestellt als Deutschland", sagte Heinemann im Gespräch mit dem STANDARD. Die steuerliche Belastung spiele eine Rolle bei der Standortverlagerung, aber vor allem bei der Frage für multinationale Konzerne, wo sie ihre Gewinne versteuern. "Da haben die Österreicher ganz klar die Nase vorne."

Während in Deutschland die Unternehmensgewinne effektiv mit 36 Prozent belastet werden, sind es in Österreich laut der ZEW-Studie nur 23,1 Prozent. Der Durchschnittswert der EU-Staaten beträgt 23,7 Prozent, wobei hier insbesondere die Niedrigsteuerpolitik der neuen Mitglieds^staaten zu Buche schlägt. Das ZEW hat zur Berechnung der effektiven Steuersätze alle belastungsrelevanten Ertrags- und Substanzsteuern des jeweiligen Landes einbezogen.

Für Deutschland müsste Österreich viel mehr ein Orientierungspunkt sein als die neuen EU-Staaten, sagt der ZEW-Forscher. Es gehe nicht nur um die effektive Steuerbelastung sondern auch um eine vernünftige Steuerstruktur.

Deutschland reagiert zu langsam"

"Es ist in der Tat so, dass Deutschland einfach zu langsam und zu ängstlich reagiert hat. Österreich hat mit Dynamik auf die Entwicklungen reagiert. In den skandinavischen Ländern wurden in den Neunzigerjahren die Steuersysteme wettbewerbsfähig gemacht. Deutschland tut sich einfach damit schwer."

Verlierer der Passivität sei der deutsche Standort und vor allem der Fiskus. Denn multinationale Konzerne nutzten die Möglichkeit, Gewinne jenseits der Grenzen Deutschlands zu versteuern.

Die relative lange Periode der Wahlkämpfe trage auch dazu bei, dass häufig nichts geschehe. "Es sieht aber so aus, als ob in Deutschland nun endlich Bewegung kommt", meinte Heinemann mit Blick auf die geplante Unternehmenssteuerreform. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD Printausgabe, 20.06.2006)

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