Die U-Bahn ist ein Zustand

25. Jänner 2007, 12:28
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Lucas Cejpek hat, ohne Wien zu verlassen, eine Reise durch die Hauptstadt unternommen: "Dichte Zugfolge"

Um die unergründlichen Kräfte spürbar zu machen, die alles mit allem verbinden, müssen die Dinge aus möglichst vielen Perspektiven betrachtet werden.

Das Wiener U-Bahn-System, zum Beispiel, ist an sich eine Welt statischer Finsternis - schwarze Röhren, regelmäßig abgeleckt von den rasenden Lichtpunkten der U-Bahn-Züge. Von der dominierenden Schwärze kriegen die Passagiere natürlich nichts mit, denn dort, wo sie sind, dort ist auch Licht - und die Finsternis vorne und hinten bleibt verborgen.

Die U-Bahn ist ein Zustand. Ständig befinden sich Züge und Menschen in Bewegung, nach gleichförmigem Raster, in gelenkten Bahnen und Endlosschleifen. Die U-Bahn funktioniert wie ein horizontaler, eingegrabener Paternoster, und, wie der Wiener Schriftsteller Lucas Cejpek schreibt: "Die U-Bahn kennt keine Haupt- und Nebenstrecken. Es gibt keine Schnell- und Regionalzüge. Es gibt keine Klassen."

Ein Jahr lang ist Cejpek möglichst oft - und selten die kürzeste Route nehmend - U-Bahn gefahren. Das Resultat dieser Reise ist das Buch Dichte Zugfolge. Der Autor hat es so konstruiert, wie die Grafiker die schematisierten Darstellungen aller U-Bahn-Systeme der Erde konstruieren: wie ein Netzwerk, mit möglichst kurzen, geraden Linien und punktartigen Haltestellen - ebenfalls eine Art Endlosschleife, in der jeder Punkt zu jedem anderen führt. Das Buch ist der Bericht einer vielschichtigen Reise, es sollte demnach unbedingt in einem Zug durchgelesen werden, damit die Geschwindigkeit des Textes mit jener des Lesers sozusagen in den Resonanzbereich gerät.

Cejpek durchrast mit knappen, kräftigen Satzgeschoßen geradlinig und ohne je den Rhythmus zu verlangsamen sein Thema - und erhellt im Vorbeieilen die unterschiedlichsten Szenerien. "Das Problem ist, dass du keine Femme fatale bist, sagt ein Stadtwanderer (roter Rucksack und Anorak) zu einer Schwarzhaarigen (schwarze Bluse und Hose, alles an ihr ist schwarz und eng) in der U6 Gumpendorfer Straße."

Zwischendurch erreicht er die Haltestellen diverser Genres, verlässt das Wiener U-Bahn-Netz für kürzere Ausflüge und wirft Schlaglichter auf U-Bahn-Filmszenen, auf Fotografien, auf Literatur, auf harte U-Bahn-Fakten: Die am tiefsten eingegrabene U-Bahn ist jene Moskaus. In der Station Stephansplatz, die quasi das Zentrum des Zentrums der Republik markiert, riecht es deshalb stets nach Erbrochenem, weil unglücklicherweise ein "Bodenverfestigungsmittel auf organischer Basis" zum Einsatz kam. Während des Baus der U3 wurde in der Herrengasse "das Skelett eines auf dem Bauch liegenden Mannes mit am Rücken verdrehten Händen und gekreuzten Beinen" gefunden: "Der Mann war lebendig begraben worden, in seinem Sarg aufgewacht und hatte vergeblich versucht, sich zu befreien."

Cejpeks Zug hält nie wirklich an, bis zu jener letzten Passage, die erst geschrieben wurde, als das Buch eigentlich schon fertig war. Damals explodierten die U-Bahn-Bomben in London. Damals wurde ein, wie sich später herausstellte, unschuldiger Brasilianer als vermeintlicher Attentäter erschossen. Damals wurden die Endlosschleifen der Überwachungsvideos, die sich stets selbst überlöschen, überspielen, überlöschen, ausnahmsweise gestoppt: "Die Videos zeigen, wie sich ein Polizist auf den Sitzenden stürzt und ihm die Arme hochreißt, während ihm ein anderer Polizist siebenmal in den Kopf schießt." Dichte Satzfolge. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.6.2006)

Von Ute Woltron

Lucas Cejpek:

"Dichte Zugfolge"
€ 15,50/112 Seiten. Edition Korrespondenzen, Wien 2006.
  • Artikelbild
    foto: derstandard.at / moser
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