9000 Gewerkschaftsmitglieder ausgetreten

4. Juli 2006, 15:52
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"Austrittswelle ist gestoppt": ÖGB-Präsident Rudolf Hundstorfer hofft, dass ÖGB-Mitglied bleibt, wer es noch ist

Innsbruck/Wien - ÖGB-Präsident Rudolf Hundstorfer freute sich, auch einmal eine halbwegs positive Nachricht bekannt geben zu können: "Die Austrittswelle ist gestoppt."7000 bis 9000 Mitglieder habe der ÖGB seit Beginn der Bawag/ÖGB-Krise verloren, genauere Zahlen könne er nicht nennen, "weil jedem einzelnen Ausgetretenen nachgelaufen wird". Jedenfalls sei die Welle der Austritte abgeebbt. Und überhaupt: Unter den Ausgetretenen befänden sich überproportional viele Pensionisten: "Das ist wirtschaftlich nicht so dramatisch."

Dramatischer könnte etwas anderes für den ÖGB werden: die Drohung von Fritz Neugebauer, "seine"Gewerkschaft Öffentlicher Dienst vom Gesamt-ÖGB abzuspalten. Diese Drohung wollte Hundstorfer aber nicht kommentieren. Seine Begründung für das Schweigen: Am Wochenende ziehe sich die Projektleitung, die den Reformprozess im ÖGB in der Hand habe, zur Klausur zurück. Dem wolle er nicht vorgreifen. Daher blieb auch die Frage unbeantwortet, wie künftig das Verhältnis zwischen Einzelgewerkschaften und ÖGB-Zentrale aussehen wird. Christgewerkschafter Neugebauer will ja eine schlanke Zentrale und auto-nome Einzelgewerkschaften. Hundstorfer sagte nur so viel: "Wir brauchen einen schlanken, effizienten und durchschlagskräftigen ÖGB."Zwischen einem "All-inclusive-Modell"wie bei der Wirtschaftskammer oder einem "separierten System"mit dominanten Einzelgewerkschaften sei alles möglich.

Die Beteiligung der einfachen ÖGB-Mitglieder soll sich aus "Kostengründen"(Hundstorfer) auf Abstimmungen auf der Homepage und das Einsenden von Fragebögen beschränken, die mit der Mitgliederzeitung Solidaritätim Herbst verschickt werden.

Ende von System ÖGB

Maria Vassilakou, die Klub-obfrau der Wiener Grünen, reichen diese Reformansätze nicht. Sie fordert im Standard-Gespräch, dass alle Mitglieder des ÖGB-Präsidiums, das 2005 den Transfer von Milliardenschulden von der Bawag an den ÖGB abgenickt hat, abtreten sollen. Denn: "Nur ein neues Präsidium mit jungen, unbelasteten Personen ist eine Chance für die Gewerkschaft."Wenn der ÖGB einen Neustart fordere, sei dafür eine Abkehr vom alten System notwendig: "Das alte System besteht aus falsch verstandenen Loyalitäten und Mehrfachfunktionären, die dann nicht mehr wissen, was sie in welcher Sitzung beschließen."

Als weiteres Merkmal des "Systems ÖGB"sieht Vassilakou die Ausformung als Männerbund und die nicht vorhandene Kultur, kritische Fragen zu stellen. Daher habe der ÖGB schon vor der Bawag-Krise keine Antworten auf Probleme wie prekäre Beschäftigungsverhältnisse gehabt. Hundstorfer ist für Vassilakou ein typisches Beispiel für dieses System ÖGB. Auch er habe noch nicht begriffen, dass eine Trennung von SPÖ und ÖGB notwendig sei, wenn der ÖGB eine Zukunft haben wolle. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.6.2006)

von Hannes Schlosser und Eva Linsinger
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