"Uni-AbsolventInnen fehlt manchmal Praxisbezug"

13. Juli 2007, 11:51
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Wir wollten von Personal­verantwortlichen wissen, ob sie lieber FH- oder Uni-AbsolventInnen einstellen - ein Stimmungsbild von Ottakringer bis Siemens

Wer die Matura gut hinter sich gebracht hat, steht heute vor einer ganz grundlegenden Entscheidung: Will er oder sie die verschulte Praxisbezogenheit einer Fachhochschule oder doch eher die intellektuelle Herausforderung an einer Universität? Abgesehen von persönlichen Neigungen spielen dabei natürlich auch die Berufschancen eine ganz entscheidende Rolle. derStandard.at wollte daher von Personalverantwortlichen einiger Unternehmen wissen, was für sie zählt. Das Ergebnis: Je dichter der Ausbildungsdschungel wird, desto genauer schauen sich die Unternehmen an, ob der Kandidat auch für die konkrete Stelle geignet ist - egal ob er seinen Abschluss an einer FH oder einer Universität gemacht hat.

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Eva Planötscher, Personalverantwortliche der Ottakringer Brauereien:

"Wir bevorzugen weder Universität noch FH, es kommt immer auf die offene Position an. Wo Bedarf an Spezialisierung besteht, sind Hochschulabsolventen interessant (z.B. Rechtsabteilung), für Generalistenpositionen kommen eher FH-Absolventen in Frage (z.B. Sales & Marketing).

Erfahrungsgemäß fehlt den Universitätsabsolventen manchmal der Praxisbezug, andererseits verliert man beim ständig wachsenden FH-Angebot rasch den Überblick.

Zahlenmäßig überwiegen bei Ottakringer derzeit die Akademiker mit Universitätsabschluss. Aufgrund des relativ geringen Mitarbeiterwechsels wird sich diese Situation vermutlich auch nicht so schnell ändern."

Karin Brunnmayr-Grüneis, Serviceline Leader HR Management & Consulting OMV:

"Die OMV nimmt Absolventen beider Universitätstypen auf und zwar jeweils jene, die das Anforderungsprofil des Jobs am besten erfüllen und zudem die OMV Erfolgskompetenzen wie Umsetzungskraft, Kooperationskraft, Innovationskraft oder Leadership mitbringen.

Auch innerhalb der "klassischen" universitären Ausbildung gibt es Unterschiede. Absolventen der Montanuniversität Leoben oder Prozessleittechniker die die TU absolviert haben sind rasch am Job einsetzbar. Wohingegen jemand der allgemeine BWL oder auch eine FH mit generalistischer Ausprägung absolviert hat, vielleicht etwas länger braucht um die berufsspezifischen Anforderungen zu erfüllen. Was der "bessere" Bildungsweg ist, hängt von sovielen Faktoren ab, dass ich es nicht professionell finde, hier meine subjektive Meinung abzugeben.

Die zahlenmäßige Aufteilung zwischen Uni- und FH AbsolventInnen ist in etwa 8:3, wobei wir schon in den letzten beiden Jahren einen Anstieg an Absolventen von FHs hatten. Ich denke das kommt daher, weil wir sehr gute Erfahrungen mit Studenten von FHs während ihres Pflichtpraktikums machen. So werden etwa heuer bis Jahresende konzernweit insgesamt 78 FH-Studenten hier für 6 Monate ihr Pflichtpraktikum machen."

Johann Hainzl, Personaldirektor IBM Österreich:

"IBM wendet sich an Uni und FH AbsolventInnen gleichermaßen. Entscheidend oder wichtig für eine Aufnahme bei IBM sind neben Studienabschluß vor allem Praktika, Auslandsaufenthalte und Persönlichkeit.

Beide Bildungswege haben ihre Vorteile wie zum Beispiel einerseits das Berufspraktikum an der FH und andererseits die Notwendigkeit zur verstärkten Selbstorganisation und Planung beim Universitäts-Studium."

Gerhard Hirczi, Konzern-Personalleiter Siemens AG Österreich:

"Die Frage, ob FH oder UNI, ist bei uns keine grundsätzliche, sondern eine, die von den konkreten Umständen und Anforderungen einer Funktion abhängig ist. Tendenziell spricht für die Universität (v.a. TU), dass mehr Grundlagenwissen vermittelt wird, oft hohe Komplexitäten zu durchdringen sind und auch das selbständige Arbeiten des Studenten angesprochen wird. Vielfach wird auch die Gelegenheit eines Auslandssemesters von den StudentInnen in Anspruch genommen.

Auf der anderen Seite können die FH-Absolventen auf praxisorientierte Ausbildungen verweisen, auf social skills (Teamarbeit, persönlichkeitsbildendes Training), auf hohe Interdisziplinarität und auf frühzeitige Anwendungsorientierung des erworbenen Wissens.

Demzufolge setzen wir Uni-Absolventen eher im Bereich von Grundlagen-Entwicklung, Software-Engineering, Prozeßmodellierung und hochkonzeptionellen Tätigkeiten ein. FH-Absolventen wiederum finden ihr Betätigungsfeld vorwiegend dort, wo vertriebliche Qualitäten und rasche operative Einsetzbarkeit vonnöten sind bzw. in der Beratung und im Projektmanagement. Das aktuelle Verhältnis zwischen Uni-Absolventen und FH-Absolventen liegt bei ca. 3 : 1 zugunsten der Unis."

Elisabeth Schüller-Ramßl, Leiterin Recruiting & Placement in der Erste Bank:

"Die Erste Bank nimmt bevorzugt weder FH noch oder Uni-Absolventen. Beide Ausbildungswege sind der Erste Bank willkommen. Es geht beim Recruiting nicht nur um fachliche Qualifikationen, sondern zum Großteil auch um die Persönlichkeit des Bewerbers. In beiden Ausbildungsrichtungen können aufgrund des Engagements des Absolventen interessante fachliche und persönliche Qualifikationen erworben worden sein, die für die jeweiligen Stellenprofile bedeutsam sein können. Die Ausbildung allein macht noch nicht das gesamte Potenzial für die berufliche Laufbahn. Sie dient als Basis für den Berufseinstieg.

Zur zahlenmäßigen Aufteilung zwischen Uni- und FH-AbsolventInnen im Unternehmen können wir keine Angabe machen, da wir diese in einer gemeinsamen Gruppe Hochschulabsolventen (FH und Universität) führen. Im Jahr 2005 haben wir 81 Akademiker aufgenommen."

Daniel Wüstner, Verkauf/Sales RAUCH Fruchtsäfte:

"Bei RAUCH sind wir für AbsolventInnen von FHs als auch von Unis offen. Wir haben mit beiden Ausbildungswegen ganz gute Erfahrungen gemacht. Beide Ausbildungssysteme haben was für sich, klare Präferenzen für das eine oder andere Ausbildungssystem lassen sich allerdings nur sehr schwer treffen. Für Uni-AbsolventInnen spricht eher, dass Sie infolge des weniger verschulten Systems tendenziell zu selbstständigerem Handeln neigen, FH-AbsolventInnen besitzen hingegen systembedingt desöfteren eher mehr Struktur und geregeltere Abläufe. In Führungsfunktionen immer wichtiger werden Skills wie soziale und emotionale Intelligenz, die sich sowohl am Uni als auch am FH-Campus verstärken lassen.

Derzeit arbeiten 13 Uni-Absolventen/innen und 4 FH-Absolventen/innen der verschiedenster Fachrichtungen bei RAUCH in Rankweil."

Die Personal­verantwortlichen befragte
Anita Zielina
    <p>Vorteile von Unis und FHs halten sich in vielen Fällen die Waage - aber wie sieht es mit der Akzeptanz durch die Wirtschaft aus? Wir haben nachgefragt.</p>
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