dag: Gruselige Zinsangst

19. Juni 2006, 08:15
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Es beginnt harmlos. Man wacht auf. Die Wände stabil. Die Gerüche vertraut. Keine auffallenden Geräusche. Nur der übliche Klimawandel, unsichtbar wie jäh. Aber da ist noch etwas, ein kryptischer Ausläufer eines beklemmenden Gefühls. Woher kommt es, wohin geht es? Im Journal bestätigt sich dann, dass sie wieder umgeht: die Zinsangst. Nie hätte man gedacht, dass sie einem etwas anhaben könnte. Geld hatte man oder - nicht (was häufiger vorkam). Wirtschaft war Wirtschaft, Misswirtschaft, Sauwirtschaft, Bawag, egal wie tief, sie schien berechenbar. Plötzlich erschöpft sie sich in purer Angst.

Gut, wenn man weiß, wovor man sich fürchtet. Weniger gut, wenn man von irrationalen Ängsten begleitet wird. Gruselig, wenn man eine Angst umgehängt bekommt, die ident mit dem Schaden ist, den sie anrichtet: die Zinsangst. Ja, allein die Angst vor der Erhöhung von Leitzinsen reicht aus, um Finanzmärkte einbrechen zu lassen. Sind sie zusammengebrochen, zahlt jeder Einzelne bitter dafür.

Deshalb unser dringender Aufruf: Zinsangsttherapeuten aller Länder, vereinigt euch. Nehmt uns die Ängste, beruhigt die Märkte, rettet die Wirtschaft, die unberechenbarste Stegreifbühne der Welt. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2006)

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