Drei Spritzen gegen Krebs

22. Jänner 2007, 16:37
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Seit der Zusammenhang zwischen viralen Infektionen und Krebs bekannt ist, wird nach Impfstoffen gesucht - wirksame Mittel vor der Zulassung

Gegen Gebärmutterhalskrebs gibt es jetzt ein wirksames Mittel, an dessen Entwicklung auch österreichische Forscher beteiligt waren. Die Zulassung in Europa steht bevor.

Impfstoff Gardasil

Die Idee, eine einfache Spritze könnte bösartige Krebserkrankungen verhindern, treibt Forscher rund um den Erdball seit Jahrzehnten an. Als die US-Behörde FDA am 8. Juni einen Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs zur Zulassung freigab, war eine große Hürde in dieser Entwicklung genommen. Mit dem Impfstoff Gardasil von Merck MSD kann die Erkrankung erst gar nicht entstehen.

Papilloma-Virus

Das funktioniert deshalb, weil Gebärmutterhalskrebs vom Humanen Papilloma- Virus (HPV) ausgelöst wird. Dieser Erreger ist allgegenwärtig, existiert in hunderten Typen und kommt durch Geschlechtsverkehr in den Körper. Selbst Kondome sind kein sicherer Schutz, Hautkontakt reicht, um sich anzustecken. "Die Durchseuchung ist hoch", berichtet Gynäkologe Johannes Seidel vom Gesundheitszentrum Woman & Health. Schätzungen zufolge sind 50 bis 80 Prozent aller Frauen einmal mit diesen Erregern konfrontiert.

Verursacher von Cervixkarzinomen

Nicht alle Vertreter der Virenfamilie sind gefährlich: HPV6 und HPV11 verursachen lästige, aber harmlose Genitalwarzen, viele andere Stämme bleiben unbemerkt und werden von der Immunabwehr besiegt. 13 Typen jedoch sind Verursacher von Cervixkarzinomen, in 70 Prozent sind dafür die Typen HPV16 und HPV18 verantwortlich. Ist die Immunabwehr des Körpers zu schwach, diese gefährlichen Eindringlinge zu besiegen, bleiben die Viren, eingenistet in der Schleimhaut, oft über Jahre im Körper und können irgendwann die Krebserkrankung auslösen.

Vorsorgeuntersuchungen

Gebärmutterhalskrebs ist nach Brustkrebs die zweithäufigste gynäkologische Krebserkrankung, in Europa erkranken 34.000 Frauen pro Jahr, 14.500 sterben daran. Mit regelmäßigen gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen kann der Ausbruch einer Erkrankung entdeckt werden, doch überall dort, wo diese Routineuntersuchungen fehlen, etwa in der Dritten Welt, sterben 80 Prozent aller Frauen an Gebärmutterhalskrebs.

Österreichische Forscher

Anfang der 90er-Jahre forschte Reinhard Kirnbauer, heute Professor für Dermatologie am AKH in Wien, im Rahmen seines vom FWF geförderten Stipendiums am National Institute of Health (NIH) in Bethseda/Maryland daran, die Immunabwehr gegen Papilloma-Viren auf künstlichem Wege zu stimulieren. Mit molekularbiologischen Methoden gelang es ihm, leere Zellhüllen des Virus herzustellen.

Impfung aktiviert Abwehr

Das Immunsystem erkennt auf diese Weise den vermeintlich gefährlichen Eindringling, produziert Antikörper und besiegt damit den Feind. "Die Papilloma-Virus-Infektion findet in der Schleimhaut statt, oft erkennt das Immunsystem gerade dort die Viren nicht besonders gut und bleibt inaktiv", erklärt Kirnbauer. Eine Impfung, sagt der Forscher, aktiviere die körpereigenen Abwehrkräfte aber auf jeden Fall. Jede Frau sollte sich noch vor dem ersten Sexualkontakt immunisieren lassen. Doch auch später macht die Impfung Sinn. Es gibt Studien, so Kirnbauer, die den Impfstoff als Booster für die Immunabwehr nach Infizierung untersuchen.

Teure Prävention

Die entscheidende Frage ist, wer sich die Impfung wird leisten können: Gardasil besteht aus drei Spritzen und kostet in den USA 360 Dollar - aufgrund von Mehrwertsteuer, Apotheken- und Großhandelsspannen wird er in Europa doppelt so teuer sein. "Es hat seit 30 Jahren keinen Impfstoff mehr gegeben, der so viel Potenzial hat, Menschenleben zu retten", sagt Peter Schwarz, Niederlassungsleiter von Sanofi-Pasteur MSD (jenem Unternehmen, das Gardasil hier vertreiben wird), deshalb nicht ohne Kalkül. Mit einer flächendeckenden Versorgung würden Merck und seine künftigen Konkurrenten viel Geld verdienen können.

Versicherung prüft

Bis zur Zulassung des Impfstoffes in Europa will der Hauptverband der Sozialversicherungsträger prüfen, inwieweit eine umfassende Prophylaxe tatsächlich notwendig ist. Genaueres wolle man zum jetzigen Zeitpunkt nicht verlautbaren, hieß es.

Zweiter Impfstoff Cervarix

Merck MSD wird vor allem nicht der einzige Anbieter bleiben. Auch die Zulassung des Impfstoffes Cervarix von GlaxoSmithKline steht in den USA unmittelbar bevor. Der Unterschied zwischen beiden Medikamenten? Während Gardasil neben HPV16 und HPV18 auch vor den durch HPV6 und HPV11 verursachten Warzen schützt, beschränkt man sich bei GlaxoSmithKline auf die zwei Hauptverursacher. Über den Preis von Cervarix wird zurzeit geschwiegen.

Forschung an der nächsten Generation

Dermatologe Reinhard Kirnbauer forscht in Wien allerdings schon seit geraumer Zeit an Impfstoffen der nächsten Generation. Konkret geht es um L2-Nebenkapsid-Proteine, die wirklich jeden Typ der gefährlichen Papilloma-Viren unschädlich machen soll. Das dreijährige Projekt zur medizinischen Grundlagenforschung wird vom FWF mit 300.000 Euro unterstützt. Die große Herausforderung besteht darin, für die Vielfalt der unterschiedlichen HPV-Typen einen Weg der konzertierten Bekämpfung zu finden.

Ziel ist die Ausrottung

Kirnbauer ist zuversichtlich, dass die durch Papilloma-Viren erzeugten Karzinome in nicht allzu ferner Zukunft durch weiterentwickelte Impfungen tatsächlich ausgerottet sein könnten - zumindest in den Industrieländern. In der Dritten Welt, so Kirnbauer, müsse die Forschung allerdings ganz andere Wege beschreiten. Während das Erzeugen leerer Virushüllen kostspielig ist, wird beispielsweise gerade in Indien, so berichtet er, mit abgeschwächten Typhusbakterien, die Papilloma-Virus-Hüllen freisetzen, experimentiert.

Denn ganz ausrotten wird man das Virus nicht können, auch weil Männer ja Überträger bleiben. Für sie führt das Papilloma-Virus nur in seltenen Fällen zu Krebserkrankungen - oft unwissentlich verteilen sie das Virus weiter.
(Karin Pollack/MEDSTANDARD/18.06.2006)

  • Das Virus als Schläfer: Das Krebs erregende Papilloma-Virus HPV18 wird vom Immunsystem oft nicht bemerkt.
    foto: medstandard/med art

    Das Virus als Schläfer: Das Krebs erregende Papilloma-Virus HPV18 wird vom Immunsystem oft nicht bemerkt.

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