"Ich will das Bier trinken, das mir schmeckt"

19. Juni 2006, 12:24
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Waldemar Hartmann, deutscher Sportmode­rator mit Kultfaktor und Werbestar, im STANDARD-Gespräch

Standard: Was passiert da momentan in und mit Deutschland?
Hartmann: Die Leute feiern sich selbst, das hat nichts mit primitivem Patriotismus und Nationalismus zu tun. Es ist auch völlig wurscht, was unten am Spielfeld passiert, die WM findet auf der Straße statt. Man glaubt, in Italien oder Argentinien zu leben. Ich erkenne mein Schwabing kaum wieder. Die Menschen können mit der deutschen Fahne wacheln, ohne verdächtig zu sein. Kabarettist Michael Mittermeier hat in meiner Sendung gesagt, warum sollte er ein weißes Tischtuch nehmen, wenn es so auch geht.

Standard: Kann Fußball ein Land und die Welt verändern?
Hartmann: Nicht wirklich, aber man soll die Macht des Spiels weder über- noch unterschätzen. Die Regierungs-chefs knien vor einem Herrn Blatter nieder, gegen den in der Schweiz gerichtliche Untersuchungen laufen. Andererseits nehmen an der WM Länder teil, die im Bürgerkrieg stehen, und es funktioniert.

Standard: Deutschland hängt der Ruf nach, dass alles durchorganisiert sein muss. Sogar Freude und Spaß. Die Ureinwohner wirken aber locker, sie kommen weltweit sympathisch rüber. Irritiert Sie das?
Hartmann: Nein. Die Freude kommt von innen. Vor der WM wurde natürlich organisiert, es ist den Deutschen halt ein Anliegen, dass auf den Fan-Meilen genügend Scheißhäuser für die Gäste stehen.

Standard: Wird sich Deutschland an ein neues Image gewöhnen müssen?
Hartmann: Ob sich das Deutschland-Bild im Ausland ändert, weiß ich nicht. Wenn bei uns 200 depperte Neonazis demonstrieren, muss man darüber ausführlich berichten. Sonst hieße es, wir wollen das unterschlagen. Anderswo sind es tausende, es reicht eine Fußnote. Das ist halt so. Bei uns wird nach der WM auch nicht so viel anders sein, Realität und Normalität sind gleich wieder da. Am 10. Juli wird man in Deutschland aufwachen und an die Erhöhung der Mehrwertsteuer denken.

Standard: Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der als ziemlich eigen und durchgeknallt hingestellt wurde, ist auf einmal ein Held. Wie erklären Sie den Sinneswandel? Er hat sogar Harald Schmidt, Ihren Stammgast in Waldis WM Club, überzeugt.
Hartmann: Man soll in Klinsmann nicht zu viel reininterpretieren. Am Anfang hat er sich das Leben selbst schwer gemacht, da war sehr viel unnötiger Aktionismus dabei. Klinsmann ist ein Sturschädel. Aber die Jungs geben das, was sie können. Und das klappt bis jetzt.

Standard: Und Herr Schmidt?
Hartmann: Er ist ein anderer Mensch geworden, der packt die Quoten von Waldis WM Club. Das Bedürfnis der Leute, über Fußball zu reden, ist gewaltig. Harald Schmidt und auch Hellmuth Karasek tun momentan nichts lieber.

Standard: Sehen Sie die Gefahr einer nationalen Selbstüberschätzung? Es wird bereits über den WM-Titel gesprochen. Die deutsche Mannschaft zeigte in der Tat attraktiven Fußball. Um ein Klischee zu strapazieren, sie ist ziemlich undeutsch.
Hartmann: Da steckt keine große Philosophie und auch nichts Visionäres dahinter. Wir haben eben nur diese Spieler. In der Verteidigung gibt es keine Betonrührer, also muss man zwangsläufig von der Taktik her eher offensiv agieren. Das ist kein großes Konzept, sondern eine Notwendigkeit. Es kann durchaus in die Hose gehen. Wenn man ehrlich ist, haben wir erst Costa Rica und Polen geschlagen. Die zählen sicher zu den fünf schwächsten Teilnehmern.

Standard: Euphorie ist bekanntlich das letzte Aufbäumen vor dem Sterben. Was passiert, sollte Deutschland im Achtelfinale scheitern? Kollektiver Selbstmord?
Hartmann: Es kommt darauf an, wie man ausscheidet. Verliert man heroisch, ist das okay. Wird man erniedrigt, wie unlängst beim 1:4 gegen Italien, ist das bitter. Aber das Fest geht weiter, Massenselbstmord schließe ich aus.

Standard: Was gefällt Ihnen nicht an der WM?
Hartmann: Wir könnten jetzt stundenlang über die Kommerzialisierung reden, aber das ist fad. Sie ist ein Wahnsinn. Ein entsetzter Polizist hat mir erzählt, dass er einen englischen Fan hat zwingen müssen, das Leiberl auszuziehen, weil die Sponsoren-Aufschrift nicht genehm war. Die Bannmeilen sind verrückt. Ich will nämlich das Bier trinken, das mir schmeckt. Und nicht irgendeines, das mir die FIFA verordnet. (Mit Waldemar Hartmann sprach Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 19.6. 2006)

ZUR PERSON

Waldemar Hartmann (58), geboren in Nürnberg, wohnhaft im schweizerischen Chur, ist seit 1977 für den Bayrischen Rundfunk als Sportredakteur tätig. Der "Waldi"kennt sich im Fußball und auch im Wintersport sehr gut aus, er ist zudem ein ziemlicher Werbestar (Weißbier). Während der Olympischen Spiele in Turin moderierte er gemeinsam mit Harald Schmidt eine tägliche/nächtliche Talkshow in der ARD (Waldi &Harry). Bei der Fußball-WM lädt er Gäste (eher keine Kicker) in seinen Club. Immer an Sendetagen der ARD (ab 23.30 Uhr).

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