Tschetschenführer Sajdullajew liquidiert

12. Juli 2006, 15:12
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Nominales Oberhaupt der Rebellen in der russischen Kaukasusrepublik getötet

Gut ein Jahr nach der Tötung des vom Kreml nicht anerkannten tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow ermordet worden war, ist nun auch sein Nachfolger Chalim Sajdullajew umgebracht worden. Prorussische Sicherheitskräfte liquidierten das nominale Oberhaupt des tschetschenischen Widerstandes am Samstag im Ort Argun.

Schreckensregime

Wie aus dem Einsatzstab durchsickerte, hatte man Sajdullajew schon vor mehreren Tagen zum dreimonatigen Amtsjubiläum des moskautreuen tschetschenischen Premiers Ramsan Kadyrow töten wollen. Moskau setzt seit Langem auf den 29-jährigen Kadyrow und dessen Clan, um die Situation in der abtrünnigen Kaukasusrepublik unter Kontrolle zu halten. Kadyrow selbst jedoch führt mit seiner Privatarmee ein Schreckensregime und sucht die Bevölkerung mit einer Islamisierungspolitik zu gewinnen.

Kadyrow heftete sich die Ausschaltung Sajdullajew sogleich auf die eigenen Fahnen, wiewohl der russische Geheimdienst FSB aktiv an der Operation mitgewirkt hatte. Ein Kampfgefährte soll um 1500 Rubel (knapp 50 Euro), die er für Drogen gebraucht habe, Sajdullajew verraten haben, behauptete Kadyrow.

Kräfteverhältnis

Bedeutsamer als Kadyrows zweifelhafter Siegesruf, "den Hauptterroristen in der Region und den Hauptideologen des Terrorismus" ausgeschaltet zu haben, sind freilich die Folgen der jüngsten Ermordung für das Kräfteverhältnis in der Republik.

"Die Situation geriet nun noch weiter in die Sackgasse, weil Sajdullajew einer der absolut ausgeglichensten Politiker war, mit denen man einen Dialog führen konnte", meint der im Londoner Asyl lebende Tschetschenienvertreter Ahmed Sakajew. In Wirklichkeit stand Sajdullajew, eine Autorität in Fragen des Islam und der Scharia, als Identifikationsfigur für den Widerstand weit hinter Maschadow zurück. Im Unterschied zum Oberterroristen Schamil Bassajew nahm er auch keine Verantwortung für Terroranschläge auf sich. Der Bassajew nahe stehende Dokar Umarow soll nun Sajdullajews Nachfolge antreten. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2006)

Von Eduard Steiner aus Moskau
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