Dröhnender Patriotismus

27. Juni 2006, 12:31
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Mariss Jansons und das Concertgebouw Orchester mit der Siebenten von Schostakowitsch

Wien - Auch für einen Musikkritiker kann das Leben zeitweise sehr hart sein. Da läuft in dieser so genannten Fußball-WM gerade das erste wirklich anschaubare Spiel, in dem Ghana die Tschechen das Fürchten und auch das Verlieren lehrt, und dann heißt es mitten drinnen: ab in den Musikverein zur Leningrader Symphonie (Nr. 7) von Dmitri Schostakowitsch.

Der russische Meister, dessen Hunderter heuer, wenn auch in Mozarts Schatten, zu gedenken ist, hätte für die einleitende Anmerkung sicher Verständnis, galt er doch als glühender Anhänger der Mannschaft Zenit St. Petersburg, das zu seinen Lebzeiten (1906-1975) natürlich noch Leningrad hieß.

Vielleicht hätte sich Mariss Jansons, der aus Amsterdam mit seinem - diesmal im wahren Sinn des Wortes - "Königlichen" Concertgebouw Orchester angerückt war, diesmal, der allgemeinen Interessenlage entsprechend, die Musik zum Ballett Das Goldene Zeitalter vornehmen sollen.

Denn in diesem Werk hat Schostakowitsch seinem Fußball-Faible zum Teil ebenso martialischen Ausdruck verliehen wie in der siebenten Symphonie seinen patriotischen Gefühlen - und wohl auch seinem ästhetischen Gehorsam, den die Stalin-Kamarilla von ihm zur Zeit der Entstehung dieser eineinhalbstündigen orchestralen Materialschlacht erzwungen hat.

Der berechtigte Jubel, den die willkommenen Gäste aus Amsterdam nach dem Ende für ihre an jedem einzelnen Pult dieser Riesenformation überwältigend realisierte Wiedergabe mit Jansons als dirigierendem akustischem Stararchitekten an der Spitze einheimsten, kann und darf über die problematische Vordergründigkeit dieser Symphonie nicht hinwegtäuschen. Sie entstand in Leningrad, während die Stadt, wie Schostakowitsch schreibt, "von den blutdürstigen Hitler'schen Horden berannt" und bombardiert wurde.

Tönender Widerstand

Zweifellos ist die Leningrader Symphonie ein handwerklich meisterhaft gebautes Klangbild der Stimmung in dieser Stadt und des selbstlosen heroischen Widerstandes ihrer Bürger, das bald nach seiner Uraufführung 1942 in aller Welt (Deutschland damals freilich ausgenommen) zur Aufführung kam.

Und dies ungeachtet seiner kompositorischen Plattitüden, wie etwa das sich nach dem Muster von Ravels Bolero zur Dezibelorgie steigernde Zitat aus Léhárs Lustiger Witwe, wodurch das Anrücken der Deutschen geschildert werden sollte.

Auch beim ohrenbetäubenden Blechgeschmetter des Finales kommt wohl ausschließlich Bewunderung für die Wiedergabe auf. Natürlich fand auch das Werk seine Adoranten. Schostakowitsch erhielt dafür den Stalinpreis.

Eines der vielen Signale für die angstdiktierte Ambivalenz, mit der Schostakowitsch auf die offizielle stalinistische Ästhetik reagierte.

Diesen Konflikt interpretiert der deutsche Musikschriftsteller Heinz-Klaus Jungheinrich in seinem Libretto zu Luca Lombardis vor sechs Jahren in Leipzig uraufgeführten Oper Dmitri oder Der Künstler und die Macht als affektive Bindung zwischen Unterdrücker und Unterdrückten.

Was der eine ist, kann er nur durch den anderen sein. Stalin fühlt sich sterbend als Dmitri. Und Letzterer hält Freiheit ohne Unterdrückung für nicht mehr möglich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.6.2006)

Von Peter Vujica
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