Händereiben und Hungerleiden bei den Bordeaux-Winzern

10. Juli 2006, 14:44
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Im Bordeaux-Weingebiet steht die Welt Kopf: Der Jahrgang 2005 erzielt neue Rekordpreise, doch vielen Winzern geht es finanziell schlechter als dies jemals zuvor der Fall war

Der Jahrgang 2005 macht die Weinprofis im Bordelais bereits schwindlig - obwohl er in den Eichenfässern erst gerade zu lagern beginnt. Und vor 2008 kommt der edle Tropfen kaum auf die Tische. In Bordeaux standen die Händler aber vor einigen Tagen bereits Schlange, um den "Primeur" zu kosten.

Die "Primeurs" sind eine Erfindung der Bordeaux-Branche aus ihrem ersten Boom in den Neunzigerjahren: Bereits im Frühling verkauft man den jeweils letzten, das heißt eben erst gekelterten Jahrgang. Händler, Liebhaber und sogar Finanzinvestoren reißen sich um die besten Crus, lange bevor diese überhaupt in der Flasche sind. Wie bei den Termingeschäften an der Börse spekulieren sie, wie gut das Produkt bei der endgültigen Auslieferung etwa anderthalb Jahre später sein wird. Und diesmal sind sie sich einig: Die Ernte des letzten Herbstes wird - wieder einmal - einen Jahrhunderttropfen ergeben.

Rekordniveau

Die Prognosen der Spezialisten überschlagen sich bereits: Ein Weinhändler verstieg sich gar zur Behauptung, seit 1870 habe es wohl nie einen so guten Tropfen gegeben. Das wird natürlich auch finanziell zu Buche schlagen. "Der Flaschenpreis für die eingetragenen ,Crus' wird dieses Jahr alle Rekorde schlagen", prophezeit die Zeitschrift Le Nouvel Observateur.

Experten schätzen, dass etwa zwanzig Bordeaux-Nobeladressen wie Margaux oder Latour die Schwelle von 200 Euro pro Flasche - noch ohne Mehrwertsteuer - übersteigen werden. Für den Weinliebhaber dürfte dies für einen Cheval Blanc aus Saint-Emilion zum Beispiel gut 300 Euro pro Flasche bedeuten.

Hervé Bertrand von Mouton-Rothschild erklärt, dieser Trend sei eine Folge der Globalisierung: Es gebe weiterhin nur eine Millionen Flaschen von Grands Crus pro Jahr, während die häufig neureiche Kundschaft aus Ländern wie China, Korea oder Russland ständig zunehme.

Verkaufspreise der Weingüter

Das gilt auch für die Verkaufspreise der Weingüter. In bester Lage kostet ein Hektar inzwischen bis zu zwei Millionen Euro. Für die 68 Hektar von Montrose im Gebiet Saint-Estèphe zahlte der Pariser Bauindustrielle Francis Bouygues unlängst sogar 140 Millionen Euro. Peugeot riss sich um Guiraud, einen berühmten Sauternes, und der Luxushersteller Hermès dürfte nach Branchengerüchten bald einmal Pichon-Longueville übernehmen.

Mit einem anderen Weingut Pauillac, nämlich Latour, macht der Geschäftsmann François Pinault jährlich bis zu 20 Millionen Euro Gewinn. Unbekannt ist dagegen die Rendite des legendären Sauternes Château Yquem, den sich Bernard Arnault, Chef des Luxusgüter-Imperiums LVMH, einverliebt hat.

Hungerleidende Winzer

Und gleichzeitig soll es im Bordeaux-Gebiet Winzer geben, die Hunger leiden. Der großen Mehrheit der rund 10.000 Weinbauern geht es schlecht, einigen sogar sehr schlecht. Konkurse und auch Selbstmorde häufen sich. Hochverschuldete Winzer reißen ihre Reben aus und satteln auf Vieh- und Getreidewirtschaft um; andere lassen ihre Ernte destillieren, also zu Alkoholtreibstoff verarbeiten.

Warum? Ebenfalls wegen der Globalisierung. Die große Masse der französischen Weine, und damit auch die mittelmäßigen Bordeaux-Roten, leiden heute sehr stark unter der zunehmenden Konkurrenz australischer, chilenischer oder kalifornischer Winzer. Diese produzieren außerdem um einiges billiger.

Preise im Keller

Als Folge werden die meisten Bordeaux-Weinbauern ihre Ernten nicht mehr los; schon heute lagern mehr als zwei Jahresproduktionen zu viel in den Kellern. Dorthin fallen auch die Traubenpreise. Im Dezember blockierten streikende Winzer die Auslieferungen, um gegen den Fasspreis von gerade noch 1000 Euro zu protestieren - vor fünf Jahren noch undenkbar.

Hinter dem Rücken verhökern einzelne Winzer ihr 900-Liter-Fass auch schon einmal für 800 Euro, um überhaupt über den Winter zu kommen. Das entspricht gerade noch 66 Centimes pro Flasche.

Es gibt aber auch einen zum Teil gewaltigen Qualitätsunterschied: Längst nicht alle Bordeaux-Trauben ergeben dann auch Spitzenweine. Einige gehören eher in die Kategorie Fusel. Sie gelangen kaum je über die Grenzen Frankreichs, dem Ruf der Gegend schaden sie trotzdem.

Aber viele Winzer, deren Weine nicht so klangvolle Namen tragen, bieten ein ausgezeichnetes Preis-Qualitäts-Verhältnis. Sie werden aber zunehmend zwischen der Masse und der Klasse zerrieben. Es ist im Bordelais wie überall: Für die Mittelklasse wird es enger, während die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.6.2006)

Stefan Brändle aus Paris
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    Die Preise für bekannte Weine können 200 Euro pro Flasche betragen. Dennoch soll es im Bordeaux-Gebiet Winzer geben, die Hunger leiden.

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