Besuch im Zeichen der Revolution

22. Juni 2006, 15:57
2 Postings

In Budapest will Bush dem Aufstand von 1956 gedenken

Der geplante Besuch von US-Präsident George W. Bush in Budapest im Anschluss an den EU-USA-Gipfel am Mittwoch gilt dem Andenken an die ungarische Revolution von 1956. Der 50. Jahrestag des von breiten Volksschichten getragenen und von sowjetischen Panzern brutal niedergeschlagenen Aufstands fällt zwar erst auf den 23. Oktober. Doch hat Bush wegen der herbstlichen Kongress-Wahlen keine Zeit mehr, und so schließt der US-Präsident die Reverenzbezeugung vor dem ungarischen Freiheitskampf am Donnerstag an seine Wien-Visite an.

Präsidentengarde

Wie dort werden auch in Budapest die gigantischen Sicherheitsvorkehrungen der Präsidentengarde die Stadt lahm legen. Die ungarischen Globalisierungs- und Irakkriegsgegner dürfen in sicherer Entfernung demonstrieren. Bush wird den ungarischen Staatspräsidenten László Solyom und den Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány treffen. Er wird die Gedenkstätte für die Märtyrer von 1956 aufsuchen und er wird eine Rede halten.

Es ist der erste offizielle Staatsbesuch eines US-Präsidenten in Ungarn seit 16 Jahren, als Bushs Vater George im Dezember 1989 mitten in die brodelnde Aufbruchstimmung der Wende geschneit war. Von den eigenen Emotionen mitgerissen, hatte er bei seiner Ansprache das vorbereitete Manuskript zerrissen und die Europäer am Ende des Kalten Krieges aufgefordert, sich wieder zu vereinigen.

Verneigung vor 1956

Bush-jr.-Vorgänger Bill Clinton war zwar zweimal in Ungarn, doch dies waren keine Staatsbesuche. 1994 hatte er in Budapest am Gipfel der KSZE (heute OSZE) teilgenommen, 1996 in der damaligen südungarischen US-Basis Taszár seine Soldaten besucht, die von dort aus das US-Kontingent in der eben angelaufenen NATO-Friedensoperation in Bosnien versorgten.

Bushs Verneigung vor 1956 wird in Budapest aber auch vor dem Hintergrund der amerikanischen Politik während der anti-sowjetischen Revolution beurteilt werden. Rhetorisch hatten sich die damaligen amerikanischen Regierungsvertreter voll hinter die Aufständischen gestellt.

Der von der US-Regierung finanzierte, von München aus operierende Radiosender "Free Europe"hatte die Ungarn darüber hinaus noch mobilisiert, angestachelt, mit Hoffnungen erfüllt - und schließlich enttäuscht. Denn als die Sowjets die Revolte mit ihren Panzern niederwalzten, hatte die westliche Führungsmacht weder die Absicht noch die Mittel, den unglücklichen Ungarn beizustehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2006)

Von Gregor Mayer aus Budapest
Share if you care.